Die Kolumne der SAfW D-CH

Image
Folge 37
Mein Höhenflug hält nach meiner Buchvernissage an. Ich wähne mich bereits als heimliche Superstar, träume von grossen Bühnen, sehe mich in ausverkauften Sälen, steige in den Olymp der Unsterblichen und trete gedanklich meinen Stern auf dem Walk of Fame. Meine Auftritte haben für Aufmerksamkeit gesorgt, ich werde angesprochen, beachtet und erhalte viel Zuspruch. Das freut mich und ich geniesse es. Aber der Überschwang hält nicht lange an. Demut lehren mich einmal mehr meine Klient:innen, besser gesagt ein Klient. Wie immer ist dafür gesorgt, dass ich am Boden bleibe und nicht abhebe. 

Vor meinem anstehenden Einsatz atme ich tief aus – und noch tiefer ein. Ich muss mich aufs Kommende wappnen, und versuche eine Reserveportion Sauerstoff in meinen Lungen zu speichern und ziehe die Maske hoch. Bevor steht mir ein Einsatz, in einer Wohnung in einem Block aus den siebziger Jahren. Schon nur das Treppenhaus strahlt den Charme der vergangenen Zeiten aus. Ich mag diese Treppenhäuser sehr, dieser schwarz-weiss gesprenkelte Boden, das gummierte, schmale Geländer. Ich mag es, mit der Hand darüber zu streichen. Sogar der Geruch ist in diesen Treppenhäusern immer derselbe. Es katapultiert mich zurück in meine Kinderzeit, Erinnerungen an vergangene Tage werden wach. Dass mich in der Wohnung im Eingang ein grün-gelber Linoleumtraum erwartet, ist Programm. Dass die Wohnung proppenvoll und vollkommen verraucht ist, irgendwie auch. Die ehemals weissen Vorhänge haben den Braunton der Fensterrahmen angenommen, die Teppiche sind farblich nicht mehr einzuordnen. Souvenirs von vergangenen Reisen, in vergangene Länder zieren die Wohnwand und sind dank der dicken Staubschicht eins mit ihr geworden. Die Bewohnenden sehe ich buchstäblich nur durch eine dicke Rauchschwade, es sind mehr die Konturen von ihnen, die ich erahne. Ich quere rasch das Wohnzimmer, öffne die Balkontüre, es wird augenblicklich kalt. Das Ehepaar erträgt dies mit stoischer Ruhe, sie wissen, dass sie nichts dagegen sagen dürfen. Der schwarze Aschenbecher, der sich mit Druck auf den Stempel öffnen lassen würde, wenn er nicht bereits mit Zigarettenstummeln überfüllt wäre, und darum gar nicht geschlossen sein kann, passt prima in dieses Szenario. Auch beim Ehepaar selbst, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Sie trägt einen Wolljupe und einen Pullover, darüber eine Küchenschürze mit Bauchtasche. Daraus ragt ein stoffiger Nasenlumpen, der sich farblich prächtig in diese Wohnung einfügt. Die beiden Sofas verraten mir, wo ihre Besitzer seit dreissig Jahren zu sitzen pflegen. Der Mann passt ebenfalls hervorragend in dieses Szenario, sein Pullover erzählt von hunderten von Waschgängen in allen Temperaturen, zusammen mit allen anderen Farbtönen. 

Ich grüsse die Beiden fröhlich, ich möchte hier wenigstens gute Stimmung verbreiten, wenn schon dicke Luft herrscht. Sie grüsst zurück, er gibt einen Laut von sich, der als Mischung zwischen Grunzen und dem Befördern von Schleim aus dem Hals wahrgenommen werden kann. Er schaut mich finster an und spiegelt mir meine Unerwünschtheit. Es scheint, dass er sich vor langer Zeit von jeder möglichen Freude verabschiedet hat, irgendwie hat er wohl beschlossen, alles in seinem Leben schlecht zu finden. Dieser Überzeugung ist er seither treu geblieben. 

Auf dem übervollen Salontisch liegt eine Zeitung, mein Bild auf der Titelseite. „Heute schon Zeitung gelesen?“, frage ich listig. Der Grunzlaut wiederholt sich, ergänzt mit einem: „Nur Scheissdreck steht darin“. „Heeee“, sage ich, „es steht doch bestimmt auch etwas Schlaues drin, zum Beispiel dieser Artikel hier“. Ich deute auf mein Porträt mit Buchvorstellung. „Interessiert mich nicht“, schnauzt er. Ich lasse nicht locker, ich zeige auf mein Bild. „Aber die da, die sieht doch richtig sympathisch aus“, erwidere ich scheinheilig. „Wer soll das schon sein?“, wirft er ein, sein Desinteresse spuckt er förmlich bei jedem Wort in den Raum. „Eine blöde Wichtigtuerin“, schiebt er noch nach. Nun bin ich doch etwas beleidigt, das trifft mich jetzt persönlich. Die Musikwelle spielt einen Schlager aus den Achtzigerjahren und besingt die unsterbliche Liebe, ich muss mir dazu seine Gehässigkeit anhören. Ich ziehe die Maske runter, nehme die Zeitung und halte sie neben meinen Kopf. „Finde zehn Unterschiede“, fordere ich ihn auf. Er kneift die Augen zusammen, rückt mit dem Kopf vor, kramt umständlich seine ebenfalls trübe Lesebrille hervor, schaut nochmals. Er betrachtet die Zeitung, dann mich, dann wieder die Zeitung. Er ahnt, dass ich etwas erwarte, aber beim besten Willen nicht was. Ich merke, es wird ihm unangenehm, er spürt die Erwartungshaltung meinerseits. Ich lasse ihn nicht vom Haken, bis er sagt: „Die in der Zeitung ist jedenfalls hübscher“. Wunder Punkt? Mitnichten, ich breche in schallendes Gelächter aus, das Ehepaar weiss nicht, was der Grund meines Amüsements ist. Etwas konsterniert schauen sie einander an, im Gleichklang ihrer Ratlosigkeit und ihrem Unverständnis. Ihr bleibt der Mund offenstehen. Er schaut noch finsterer drein, auch wenn ich diese Steigerung nicht für möglich gehalten hätte. „Alles gut“, beruhige ich das Ehepaar, immer noch lachend und mache mich an die Verbände, die die Frau braucht. 

Bei meinem nächsten Einsatz merke ich gleich bei der Begrüssung, dass da nicht nur Rauch in der Luft liegt. Etwas hat sich verändert, ich werde es gleich herausfinden. Mein Instinkt sagt mir, dass der Mann gleich zum Angriff übergehen wird. Er beobachtet mich wie die Wildkatze ihre potenzielle Beute, bereit zum Sprung. Und wirklich, ich kann nicht einmal meine Taschen abstellen, legt er schon los: „Sie haben ein Buch geschrieben“. Es ist keine neutrale Feststellung, es ist ein Vorwurf. „Aha, doch noch die Zeitung gelesen?“ frage ich. Er nickt schlechtgelaunt und fragt: „Kommen wir darin auch vor?“. „Nein“, antworte ich, „möchten Sie denn gerne vorkommen?“. „Über uns gibt es nichts zu schreiben“, blafft er, sie doppelt nach: „Ich wüsste nicht was“. „Ich schon“, erwidere ich. „Was denn?“, fragt er. Ich triumphiere, ich habe ihn erreicht. Es ist unser erster Dialog, ich habe die Grunzschwelle überwunden. Das erste Mal, dass er mir eine Frage stellt. „Ich würde gerne über Sie beide schreiben, weil Sie so aus der Zeit gefallen sind“, sage ich und blicke in vier ratlose, fragende Augen. „Sie haben ihre Wohnung seit Jahren nicht verändert, Sie leben ohne jegliches Gesundheitsbewusstsein, Sie rauchen, als gäbe es kein Morgen, Sie blenden die Aussenwelt aus, Sie hinterfragen nichts und Sie, jetzt schaue ich den Mann an, scheinen mir das Schicksal besonders herauszufordern“. „Wir sind nicht aus der Zeit gefallen, wir waren noch nie drin“, sagt der Mann, „wir brauchen nichts zu ändern. Seit der Hund gestorben ist, ist die einzige Freude weg. Und ich werde rauchen, bis es mich endlich umbringt, ich möchte schon lange sterben“. Ich schaue die Frau an, sie zuckt mit den Schultern. Nichts zu machen, signalisiert sie mir. Ich schaue wieder zum Mann, versuche das Gehörte zu verstehen oder mindestens einzuordnen. Dabei lasse ich mir Zeit. „Schreiben Sie nur, schreiben Sie über mein Scheissleben, schon als Gof war ich nicht erwünscht, dann einen Scheissjob, Ärzte die mich verpfuscht und ruiniert haben, es ist kein Leben so“, quillt es aus ihm hervor. „Da kann ich mich ruhig zu Tode rauchen. Aber nicht einmal das funktioniert“. 

Das ist jetzt auch für mich starker Tubak – jetzt werden meine Augen fragend. Ich frage durch Fixieren seines Blickes. „Ja, schreiben Sie dies nur alles auf“, ergänzt er seine Kurzfassung eines verpfuschten Lebens in gehässigem Ton. „Ich schreibe lieber fröhliche Geschichten als traurige“, entgegne ich, mangels Alternativen. „Das ist es ja, das regt mich sowieso auf, Ihre Fröhlichkeit. Es gibt nichts zu Fröhlichen, machen Sie einfach Ihre Arbeit und basta“. Touché – einer meiner wunden Punkte ist getroffen. Habe ich eine Grenze überschritten, die ich hätte beachten müssen? Habe ich seine Trauer zu wenig gespürt, ihm mit meiner Fröhlichkeit etwas gespiegelt das er ablehnt oder nicht kennt oder nicht kennen will? Wurde er, je fröhlicher ich bin, desto ärgerlicher? Habe ich ihn an die Wand „gefröhlicht“? Bin ich der Grund für seine Übellaunigkeit? 

Ich erwarte nicht, dass mich alle großartig finden. Ich weiss, dass ich meine Schwächen habe. Aber verurteilt zu werden für Fröhlichkeit? Würde es helfen, wenn ich mich seiner Stimmung anpassen würde? Muss ich, möchte oder könnte ich das? Nein, ich kann mich so wenig ändern wie er. Ich starte zum Gegenangriff und meiner Verteidigung: „Sie möchten also, dass ich ähnlich übellaunig bin wie Sie, damit Sie in ihrer schlechten Stimmung bleiben können?“, frage ich. „Nein“, erwidert er, „nur nicht so fröhlich, einfach normal“. Aha, einfach normal, als ob ich wüsste was normal ist, in einer Zeit, in der weltpolitisch alles erlaubt und normal gerade krass verschoben wird. „Könnte es sein, dass ihr Leben unter anderem nicht ganz so optimal verlaufen ist, weil Sie erwarten, dass sich die Menschen um Sie herum ändern, damit Sie nichts ändern müssen? Damit Sie in ihrem Missmut bleiben können? Ist es das, was Sie stört?“. Die fragenden Augen haben wieder die Seite gewechselt. Er denkt nach, ich verrichte meine Arbeit schweigend, der Frau steht der Mund immer noch offen, sie mag nichts dazu sagen. 

Beim Abschied, unter der Türe, fragt der Mann: „Schreiben Sie jetzt über mich?“. „Ich glaube schon“, sage ich, „wenn Sie es erlauben? Aber ganz sicher nicht fröhlich, das gibt keine fröhliche Geschichte – versprochen!“. „Das ist gut“, sagt der Mann, „die Menschen sollen nur wissen, dass nicht alles gut ist“. „Ich glaube, das wissen sie schon“, wage ich einzuwerfen. „Soll ich den Menschen Mut machen, sich ihrem Unglück nicht einfach so zu ergeben, sich aufzulehnen und zu versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen?“, frage ich. „Machen Sie, was sie wollen, ihren Scheiss lese ich sowieso nicht“. Sagt`s und knallt die Türe zu. Ich bin getroffen. 

Zum Glück saugt der Mundschutz die überquellende Flüssigkeit aus meinen Augen auf. 

Keine Glanzleistung, keine Sternstunde, keine Spitexperle. Wunde Punkte hüben und drüben. Vor allem hüben.
Folge 36
Es ist so weit, es ist vollbracht. Mein Buch „der wunde Punkt“ ist seit Anfangs Monat offiziell im Buchhandel erhältlich. Noch bin ich im Viertelstundentakt schwankend zwischen Freude und Panik. Freude, mein Buch taktil zu erleben, mit dem Finger über den Buchdeckel zu streichen, es zu öffnen und umzublättern. In mein Bücherregal zu stellen und mir zu überlegen, zwischen welchen Autor:innen ich es gerne stehen hätte. Mich wundernd, ob irgend jemand es dort bemerken wird, bevor mein Nachlass dereinst geräumt wird.  Immer noch nicht glaubend, dass ich tatsächlich ein Buch geschrieben habe – oder vielmehr so viel Buchstaben aneinandergereiht, dass es zu einem Buch gereicht hat. Oder mindestens zu einem Büchlein. Schön auch, in meinem Alter Neues zu erleben und vor allem wieder zu lernen. Während sich mein Umfeld frühpensionieren lässt, stürze ich mich gerade in neue Abenteuer. Ich staune, was es braucht, bis ein Buch gedruckt ist, und bewundere meinen Verleger restlos für seinen Mut, seine Geduld und dass er an mein Geschreibsel glaubt. Der Chirurg bewundert ihn auch, zumal sich der Verleger der Zusammenarbeit mit mir freiwillig aussetzt. Das hat der Chirurg ursprünglich auch getan, ich meine freiwillig, er macht jetzt aber seine jugendliche Unbeschwertheit geltend. Das kann der Verleger nicht. Er ist mit Lebenserfahrung in dieses Projekt gestiegen. 

Ich habe mir nie konkrete Gedanken gemacht, wie ein Buch entsteht, höchstens ungeduldig auf die Neuerscheinungen meiner Lieblingsautor:innen gewartet. Und gedacht, sie könnten etwas vorwärts machen. Was für eine ignorante, hochnäsige Haltung. Ich entschuldige mich im Geist für all dieses verwerfliche Gedankengut. Und ziehe den Hut vor allen Verleger:innen, Graphiker:innen und Lektor:innen. Und am allermeisten vor denen, die die Bücher dann in den Buchhandlungen unterbringen müssen. Und natürlich vor allen Schreibenden und den Menschen, die ebendiesen Vertrauen entgegenbringen. 

Panik kam zum ersten Mal auf, als mir ein Freund schrieb, dass „man dich beim Orellfüssli am Bellvue in Zürich lesen kann“. Da wurde mir schlagartig klar, dass meine Geschichten meine Obhut verlassen haben. Zürich ist für uns Berner Oberländer:innen weit abgelegen, für alles nach dem Grauholz pflegen wir den Pass mitzunehmen. Zürich ist etwas anderes als Zweilütschinen, die Geschichten haben das Tal endgültig verlassen. Nach dieser Nachricht suchte ich bei nächster Gelegenheit eine Buchhandlung auf, und fragte nach meinem Buch. „Ich möchte das Buch der wunde Punkt“, erklärte ich. Die Buchhändlerin tippt in Windeseile mit überlangen Nägeln den Titel ein und fragt: „Ah, der wunde Punkt. Die Kunst nicht unglücklich zu sein?“ Ich werde sofort zutiefst unglücklich, es gibt also noch ein Buch mit dem gleichen Titel. „Äh nein“ stottere ich und verstumme. „Wie hieß der Autor nochmal?“, fragt sie hilfsbereit. „Die Autorin heisst Kohler“, sage ich, Kohler tönt nach nichts, ist so gewöhnlich, hätte ich nur meinen Namen behalten, denke ich, und bin nicht mehr überzeugt von meinem Plan, mein eigenes Buch zu kaufen. „Da finde ich leider nichts“, sagt sie und schaut jetzt auch betrübt drein. Ich rapple mich ein letztes Mal auf. „Kohler mit o-h?“.  „A-ha“ sagt sie und tippelt wieder. „Jetzt hab ich`s, das Buch von dieser Wundärztin?“ Sie strahlt übers ganze Gesicht. Ich bin am Boden zerstört und flüstere schon fast: „Ich glaube es ist eine Pflegende“. Nun erlischt ihr Strahlen auch und sie sagt, dass das Buch erst Anfang März erscheint. Ob ich es vorbestellen möchte. „Nein danke, ich komme später wieder“. Ich flüchte aus der Buchhandlung und gestehe mir sofort ein, dass dies keine Glanzleistung war. Dass die Buchhändlerin immerhin schon einmal geübt hat, mein Buch zu suchen, ist ein schwacher Trost. Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, ein Buch drucken zu lassen. Ich bekomme Angst, was mit meinen Geschichten passiert. Habe ich etwas nicht bedacht? Jemanden verletzt? War ich bei den Schilderungen nicht präzise genug? Was, wenn niemand mein Buch will? Was, wenn an der Vernissage niemand kommt? Was, wenn zu viele kommen? Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Es gilt auszuhalten. In dieser Disziplin war ich noch nie gut. 

Als sich erste Zeitungen melden und das Regionaljournal für einen Interviewtermin anfragt, gerate ich in Schnappatmung. Zuerst wird vorsichtig am Telefon sondiert, ob ich mehrere Sätze einigermaßen zusammenhängend formulieren kann, dann werde ich für Studioaufnahmen nach Bern bestellt. Vor dem Mikrophon, das mit dem gleichen schwarzen Schaumstoff wie das Niederdrucktherapieset ausgestattet ist, wird mir ein bisschen wohler. Etwas Vertrautes – wenigstens. Soll der Schaumstoff wohl meine Spucke aufnehmen? Dämpfen? Druck ausgleichen? Gewebewachstum anregen? Was, wenn meine Nase, die ich an den Schaumstoff pressen soll, plötzlich noch größer wird als sie ohnehin schon ist? 

Der Moderator will Geschichten, wie sie in meinem Alltag geschehen, er wirkt interessiert und fragt nach, am Schluss wäre ich gut in Fahrt. Sicher auf vertrautem Terrain unterwegs. Dann ist es leider schon fertig. Der Journalist gibt sich bedeckt. Bei der anschließenden Suche nach einem geeinigten Fotoplatz laufen wir durch die Stadt und sprechen über die bevorstehende Abstimmung und die Schließung der Medikamentenproduktion der Bichsel AG in Interlaken. Wir teilen uns die Betroffenheit bei beiden Themen. (Letzteres ist eine lokale und vielleicht auch nationale Katastrophe – bei Ersterem hoffen wir auf einen glimpflichen Ausgang).  Die Fotofindung gestaltet sich schwierig, Licht und Schatten und wohl auch ein allzu faltiges Modell erschweren die Aufgabe. Wer meint, Radio sei ein Medium fürs Gehör, irrt gewaltig. 

Der nächste Termin ist ein Treffen mit einem Journalisten in Interlaken. Auch hier, ein wohlwollendes Gespräch. Ich freue mich über das ehrliche Interesse an meiner Arbeit, dass ich einstehen darf für den Beruf der Wundexpert:innen und die Spitex. Beide haben eine starke Lobby verdient, ich genieße die mediale Aufmerksamkeit. Und ganz ehrlich, mal so für eine Stunde im Mittelpunkt zu stehen, hat etwas Aufbauendes. 

Ganz sicher bin ich aber auch nach diesem Tag nicht, ob ich nicht besser im Januarloch geblieben wäre. Abends im Bett stellen sich wieder Zweifel ein. Wer sich hinauslehnt wird auch angreifbar – und da bin ich empfindlich. Meine wunden Punkte bewirtschafte ich am liebsten selbst! Und schon taucht einer auf. Nennt mich doch der Radiomoderator in der ausgestrahlten Sendung eine „Wundheilerin“. Dabei habe ich mich explizit von diesem Titel distanziert und ausgeführt, das töne wie „Pferdeflüsterin“. Er hat gelacht und voilà: mindestens zweimal erwähnt er „Wundheilerin“. Dafür hätte er die Halbierungsinitiative verdient, denke ich und steigere meinen Ärger und Blutdruck in die Höhe. Nur um das klarzustellen – ich sehe mich nicht als Wundheilerin. Ich darf Menschen mit Wunden unterstützen, darf Teil eines Behandlungsteams sein, und bei all dem, heilt manchmal die Wunde sogar ab.  

Es ist nicht mein letztes Erstaunen, ich muss zur Kenntnis nehmen, dass Medien Prioritäten setzen, wo ich sie nicht unbedingt so gesehen haben. Je nach gewünschtem Effekt wird ein harmloser Satz herausgepickt und ist dann prominent und fett hervorgehoben. Wenn die sozialen Medien diesen Satz dann liken, bin ich stolz, wenn sie ihn abstrafen, möchte ich ihn nicht so gesagt haben, beziehungsweise fange ich an mich zu erklären. Beides etwas kurzsichtig und ver-klärend. Ich lerne, sobald die Buchstaben mein Büro oder meinen Mund verlassen, sind sie der Interpretation ausgeliefert. 

Trotz allem, wird mir der Stellenwert der Sozialen – und Printmedien bewusst, ohne sie würden sich meine Verkaufszahlen wahrscheinlich in bescheidenem Mass halten. Mit ihnen vielleicht auch, aber das liegt dann nicht an den Medien, sondern an meinem Buch. Jedenfalls danke ich allen Medienschaffenden für Ihr Interesse und für die «Förderung» einer unbekannten Autorin. Es freut mich, dass ihr nicht halbiert wurdet! 

Freuen würde mich auch, wenn Ihr, liebe Leser:innen, die Buchhandlungen stürmt, und ihre Risikobereitschaft das Buch einer Unbekannten an Lager zu nehmen, unterstützt. Lasst den «wunden Punkt» nicht zu einem meiner wunden Punkte werden. Ich danke euch!
Folge 35
Mein Neustart ins Jahr ist nicht ganz geglückt. Ich bin in ein Januarloch gefallen. Plötzlich hat es mich verschluckt und noch nicht wieder ausgespuckt. 

Uns wird die aktuelle Ausgabe des lokalen Infomagazins zugestellt, das unaufgefordert in alle Haushalte geliefert wird. Dort werden Menschen porträtiert, Anlässe publiziert und mit jeder Menge Werbung garniert. Werbung, die erst auf den zweiten Blick ersichtlich ist. Das Magazin hat sich in dieser Ausgabe der Menschlichkeit verschrieben. Und ein bisschen fröhliches Rätselraten und Tiere, die ein neues Zuhause suchen. So kann die „keine Werbung“ Aufforderung am Briefkasten problemlos umgangen werden.  Das machen andere schliesslich auch, man lege die Werbung einfach der Tageszeitung bei. Selbst schuld, wer noch abonniert. 

Auf dem Titelbild des besagten Infomagazins ist ein Mensch in Grossformat abgebildet, trendy gekleidet mit weissen Zähnen. Die Lederjacke mit Kapuze unterstreicht seine Coolness. Das Hemd ist eher kleinkariert. Unter seinem Namen steht: „Vom Neustart zum Erfolg – warum Menschlichkeit sein Fundament ist.“ Aha, denke ich, da hat es einer geschafft. Das möchte ich auch, Neustart, Erfolg und dazu noch Menschlichkeit. Das aktuelle Weltbild vermittelt uns gerade andere Werte. Da hat man mehr Erfolg, je weniger menschlich man ist. Der porträtierte Mensch arbeitet im Bauwesen, „da braucht es ein starkes Fundament“, sagt er. Man würde jetzt denken, dass sein Fundament aus festen Materialien, ausgefeilten Techniken, präzisen Berechnungen und sorgfältiger Arbeit besteht. Aber nein, die Stärke des Teams hinter den Projekten ist sein Fundament. Er führt weiter aus, dass ein starkes Team das Rückgrat jedes erfolgreichen Unternehmens – nicht nur im Bauwesen, sondern in jeder Branche – ist. Beim Bauen aber ist es essenziell und darum: bitte zukünftige Bauten mit seinem Unternehmen planen. Das Rückgrat seines Teams wird den Bau tragen und festigen. Zudem ist wichtig, dass das Unternehmen schöne Plättli hat und ganz viel Menschlichkeit. Das glaube ich und es freut mich. Meine Gedanken schweifen zu unserem Spitexteam. Ist unser Fundament solide? Das Rückgrat stark? Machen wir etwas dafür? Oder ist es vielmehr gerade ein wunder Punkt, weil es doch sehr viel Menschlichkeit darin gibt? Und Menschlichkeit oft leicht verwundbar ist und nicht ganz so stark? Reicht ein gutes Team allein zum Erfolg aus? Ohne Aufträge braucht es gar kein Team, also könnte im Umkehrschluss auch getitelt werden, wenn die Auftragslage stimmt, sind wir im Team menschlicher. Menschlichkeit als Luxusgut? Wenn ich viele Aufträge habe, kann ich in die Menschlichkeit investieren. Wenig Aufträge und wir schalten in den Überlebensmodus. Also ist der Schlüssel zu mehr Menschlichkeit eine gute Auftragslage. Darum bekommen wir ein Infomagazin, in dem alle um die Aufträge buhlen. Ich notiere mir, mich gelegentlich mit Team, Menschlichkeit und Aufträgen auseinanderzusetzen – wir in der Spitex haben nämlich gerade eine auftragsschwache Zeit und das wirkt sich doch etwas auf die Zwischenmenschlichkeit im Team aus. 

Ich blättere weiter und stosse auf eine Seite, die ein neues Gesundheitsbewusstsein durch Epigenetik anpreist. Auch hier mit makellosen Zähnen illustriert. Wir müssen nur mittels gesunder Lebensweise die richtigen Gene an- beziehungsweise ausschalten. Viel grünen Tee trinken, genügend Bewegung und schon sitzen wir an den Schalthebeln unserer Gene. Ein – aus, aktivieren – deaktivieren, so ist es erklärt. Die Vorstellung gefällt mir, ehrlicherweise. Viele gesundheitliche Probleme wären vom Tisch. Aber so einfach ist es wohl doch nicht, wäre es so, unser Team würde binnen weniger Tage vollends arbeitslos sein. 

Die nächste Seite legt mir nahe, mich um eine gesunde Kopfhaut zu bemühen, die Folgende kümmert sich um meine Verspannungen im Nackenbereich. Und natürlich darf ich dieses Jahr das Heilfasten nicht vergessen und nehme dabei erst noch fünf Kilo ab, verspricht die Folgeseite und bietet mir dabei Hilfe an. Und dann, es sträuben sich mir die Nackenhaare, ein sicheres Indiz auf einen wunden Punkt gestossen zu sein: „Grosses Herz für Seniorinnen und Senioren“, titelt der nächste Artikel gross und fett. „Gschänkli für Seniore“, (hier werden die Seniorinnen bereits nicht mehr erwähnt, ich hoffe aber als alternde Frau, dass das weibliche Geschlecht mitgemeint ist) nennt sich die Aktion. 4’000 Weihnachtswünsche wurden gesamtschweizerisch den Senior:innen erfüllt. An dafür vorgesehenen Weihnachtsbäumen konnten die sehnlichsten Wünsche der alternden, bedürftigen Bevölkerung auf Zetteln angebracht werden, und die Wichtel – das waren dann Gutmenschen aus dem Ort – konnten diese abnehmen und die erfüllten Wünsche verpackt an eben diesem Ort wieder abgeben. Initiiert von einer – und das ist jetzt mehr als alarmierend – privaten Spitexorganisation. Organisiert und überreicht wurden die Geschenke dann von der öffentlichen Organisation, die freundlicherweise aufgeführt ist. „Mit den allerbesten Wünschen und sollten Sie Hilfe brauchen, hier unsere Karte, die private Spitex ist für Sie da“. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Wunderbare Idee dieses Unternehmens, viel Werbung und Aufmerksamkeit, wenig Kosten und Arbeit. Das erledigt bequemerweise eine Organisation mit unseren Steuergeldern. In Treu und Glauben. „Gschänkli für Seniore basiert auf dem Kreis der Fürsorge des Unternehmens“, ist zu lesen. Ich versuche mir einen Kreis aus Fürsorge vorzustellen, sehe einen Ring und in der Mitte buchstäblich schwarz. Ein Loch nennt man das. Ich falle hinein, weil ich mich zu weit hinauslehne auf der Suche nach bedingungsloser Menschlichkeit. Keine Fürsorge fängt mich, ich schlage hart unten auf. Und die vom schenkenden Unternehmen propagierte Philosophie, „die den Einzelnen ins Zentrum stellt, umgeben von einem Umfeld, das sich den individuellen Bedürfnissen anpasst und Geborgenheit schenkt“, lässt mich frieren und verhilft mir nicht zu Lichtblicken. Vielleicht weil ich eine Einzelne bin und nicht ein Einzelner? Ich sehe weiterhin schwarz, von Geborgenheit keine Spur. Im Gegenteil, die dick aufgetragene Zuckermasse des Artikels, lässt meinen Blutzucker in die Höhe schnellen, die Bauchspeicheldrüse ist machtlos dagegen. Der Zucker verklumpt in meinem Blut und lässt sich nicht in die Zellen versorgen. Da muss ich kannenweise Grüntee trinken, um das wieder auszugleichen. Und viel bewegen. Die Nackenmuskulatur verkrampft sich während des Lesens, es kräuselt sich die Kopfhaut und mein Glaube an das Fundament der Menschlichkeit wackelt bedrohlich. Der Appetit ist mir vergangen, ich kann nahtlos ins Heilfasten einbiegen, minus fünf Kilo werden mir geschenkt. Ich schäme mich für eine solche Schamlosigkeit, und diesmal ganz von allein, ohne dass es mir der Chirurg sagen muss. Ich schäme mich für Unternehmen wie dieses. 

Liebe Seniorinnen und Senioren, liebe Unterstützende, liebe Gschänkliwichtel lasst euch gesagt sein, da zielt jemand auf eure wunden Punkte. Eure Einsamkeit, Bedürftigkeit, Krankheit, eure Hilfsbereitschaft und Gutgläubigkeit wird schamlos ausgenützt, durch ein vermeintliches Geschenk werdet ihr gekauft und missbraucht. Bedenkt: wenn ihr etwas gratis bekommt, seid ihr der Preis. Leider. Meistens. 

Die öffentliche Spitex macht keine Geschenke. Sie ist aber jederzeit da, hat eine Versorgungspflicht und kann die Einsätze nicht auswählen. Und ja, oftmals kommen wir zu spät, in wechselnder Besetzung und auch nicht gratis. Aber wir kommen, verlässlich und durch die Haustüre. Und schleichen uns nicht mit vermeintlichen Geschenken durch eine Hintertüre ins Haus. Das überlassen wir gern anderen.
Folge 34
«Kannst du dich um die Wunden von Herr Z. kümmern?», fragt die Kollegin. «Er hat am rechten Fuss am Dig 4 und an der Ferse links Wunden. Und er ist natürlich Diabetiker». Ich zucke innerlich zusammen und verziehe wohl das Gesicht. «Was hast du?», fragt die Kollegin. «Hast du Schmerzen?». Ja, ich habe Schmerzen, seelische oder geistige oder psychische, keine Ahnung wie man diesen Schmerzen sagt. Es ist mehr ein Empörungsschmerz oder ein Systemschmerz. Verantwortlich dafür sind zwei Wörter, die meine Kollegin gerade gesagt hat. Es sind die Wörter «natürlich» und «Diabetiker». Unerträglich in dieser Kombination. 
Seit ich in der neuen Ausbildung der Wundexpert:innen SAfW bei Careum in Aarau einen Tag Ethik unterrichten darf, bin ich bei dem Thema sensibler und wachsamer unterwegs. Beruflich wie auch privat. Kind Nummer drei verstärkt mein Bewusstsein zusätzlich, indem es mich immer wieder auf meine versteckten Diskriminierungen und rassistischen Aussagen aufmerksam macht. Ich bin erstaunt, wie tief beides in uns verankert ist und wie unbedarft sprachlich wir damit umgehen. Nicht mal böse gemeint. So geschehen an Silvester, im fröhlichen Zusammensein mit Freunden. Ein ganzes Volk wird auf Grund einzelner Vergehen verunglimpft, beschimpft und verurteilt. Meine Versuche zu relativieren und zu korrigieren, verhallen ungehört. Die genannten, anklagenden Beispiele passen auf jede geografische Region, sprich Land oder Volk, es passt einfach auf Menschen. Wir könnten einmal rund um den Globus gehen, und jedem Volk die Eigenheiten und Verfehlungen vorwerfen. Dass einzelne Gruppen ein auffallendes Fehlverhalten an den Tag legen, sobald sie sich in der Anonymität wähnen, sich in einer Ideologie zusammenschliessen, sich einer höheren Mission verschreiben, oder Machtgelüsten hingeben, darf nicht toleriert werden. Auch nicht in Kombination mit reichlich Alkohol. Einige Fussballfans machen es uns vor, im täglichen Leben sind sie unbescholtene Bürger. Dass wir «rechtschaffene» Menschen, dann ganze Völker deswegen verunglimpfen, beschimpfen und aburteilen, trübte meine Silvesterfreude empfindlich. 
Und eben auch im Beruf passiert es immer wieder. Auch mir. Nehmen wir das Wort «Diabetiker». Ein Mensch wird auf eine Krankheit reduziert. Sozusagen als Destillat, aus allen menschlichen Eigenschaften eingedampft. Dabei ist der Mensch aus Körper und Seele, mit all ihren Facetten, zusammengesetzt. Der Mensch ist nicht einfach eine Krankheit. Diese schon älteren Erkenntnisse haben auch zu Veränderungen der Behandlungsmethoden geführt. «Es kommt aber im Verständnis von Menschen mit diabetischem Fusssyndrom (DFS) erwartungsgemäss an seine Grenzen» (Dissemond, 2024;). So steht es geschrieben und ich frage mich, ob hier nicht eine erste Verurteilung einer Gruppe von Menschen mit Diabetes erfolgt. Natürlich weiss ich um die Komplexität der Behandlung, die Herausforderungen und der schieren Unmöglichkeit von Verhaltensänderungen. Ich habe auch zur Kenntnis genommen, dass die Amputationsrate bei Menschen mit Diabetes wieder ansteigt (Heidemann et al. 2025). Aber ist es nicht allen Menschen gemeinsam, dass wir uns nicht oder nur schwer ändern können? Dass alle Lifestyleänderungen schwierig sind? Was habt ihr euch vorgenommen zum Jahreswechsel? Abnehmen? Mehr Bewegung? Weniger Alkohol? Gesundes Essen? Achtsamkeit? Hilfsbereiter sein? Smartphoneverzicht? Was davon kann nachhaltig umgesetzt werden? Ich plädiere für mehr Verständnis fürs Menschsein. Und für Menschen mit Diabetes.

Anfang der 1990 Jahre galt gemäss Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft der Begriff «Diabetiker» als entwertend und wurde per Vorstandsbeschluss durch den Begriff «Menschen mit Diabetes» ersetzt. Er hat sich bis heute nicht durchgesetzt. Der Begriff «Diabetiker» wird immer noch flächendeckend in allen Gesundheitsinstitutionen unabhängig von den Ausbildungen verwendet. Während die M…..köpfe durch Schokoküsse ersetzt wurden, die Putzfrau es zur Reinigungskraft geschafft hat, hält sich das Wort «Diabetiker» hartnäckig. Oft in männlicher Form, seltener wird von der «Diabetikerin» gesprochen. Erst letztes Jahr wurde der Begriff in der Mittel – und Gegenständeliste des Bundesamtes für Gesundheit auf einen Vorstoss der SAfW hin geändert. «Diabetiker» ist zum Schimpfwort mutiert, sobald wir es hören, sehen wir einen adipösen, uneinsichtigen, nicht führbaren, selbstverschuldenden Menschen mit unpassenden Schuhen vor uns. Und begegnen ihm schon vor dem ersten Zusammentreffen mit Vorverurteilung. Wenn dann dieser Mensch «natürlich Diabetiker» ist, wirkt das Wort «natürlich», das ja an und für sich eine positive Bedeutung hat, als Katalysator für Schlechtes. Es impliziert keinen Ausweg, es offenbart eine Ausweglosigkeit. Es wird von vornherein keine Chance zur Besserung, kein Therapieerfolg eingeräumt. Hopfen und Malz verloren – «natürlich Diabetiker»! 
Nun ist aber eines der vier medizinisch - ethischen Prinzipien das Selbstbestimmungsrecht der Patient:innen. Jeder Mensch hat das Recht auf eigene Ansichten und das Recht, eigene in seine Wertvorstellungen passende Entscheidungen zu fällen. Solange er andern damit nicht schadet oder es ihn auf der Stelle umbringt. Langsam darf man sich umbringen, schnell ist akute Selbstgefährdung, das wird geahndet. Dieses Selbstbestimmungsrecht gilt für Alle und Alles. Es gilt auch für die Abfahrer, die sich todesmutig bergab stürzen. Für diese werden - während ich diese Kolumne schreibe – am Lauberhorn kilometerlange, doppelte und dreifache Fangnetze durch Angehörige der Schweizerarmee installiert. Kein Aufwand zu gross, die Piste schneller und spektakulärer zu machen, gleichzeitig die höchsten Schutzmassnahmen zu treffen. Auch ist nichts zu teuer. Und sollte wieder ein Abfahrer schwer verunglücken und mit dem Helikopter abtransportiert werden, zudem noch aus der Schweizermannschaft sein, brechen wir in eine kollektive Trauer und ein grosses Mitleid aus. «Ganz tragisch», sagen wir dann und schauen betreten drein. Die Medien werden mitfühlend berichten, analysieren, ob der Fehler bei der Organisatorin liegt und ob alles Rechtens war. Niemand wird sagen, er ist «natürlich Schirennfahrer» und somit das Thema selbsterklärend abhaken. Die zahlreichen Basejumper, die jedes Jahr ungebremst ins Lauterbrunnental knallen, sind schon etwas weniger gut dran. Das Mitleid mit der Bevölkerung hält sich bei diesen in Grenzen. Aber niemand sagt bei deren Tod: «Natürlich Basejumper». Ich frage mich, wo der Unterschied in der Gewichtung des Risikos liegt. Jeder Mensch, ob am Start des Lauberhorns, am Rand der Nose 3.5 oder regelmässig bewegungsarm am übervollen Esstisch, weiss um die Risiken, die damit verbunden sind. Die einen sind schneller am Ziel, die anderen etwas gemächlicher. Tot sind sie unter Umständen alle durch die Ausübung ihrer Leidenschaft und ihren Präferenzen. Wir aber wissen stets klar zwischen Heldentum und Dummheit zu unterscheiden. Warum unterstützen und bejubeln wir das Risikoverhalten des Abfahrers in Wengen und verurteilen das Ess- und Bewegungsverhalten des Menschen mit Diabetes? Warum räumen wir jungen Menschen volles Risikoverhalten ein, während wir älteren Menschen nicht mal ein Sturzrisiko im eigenen Heim erlauben? 
Ethisch handeln heisst, nicht unerlaubt in den Lebensstil der Menschen einzugreifen, sondern sich primär auf die medizinischen Notwendigkeiten zu beschränken. Und eine vollständige, verständliche Information zu vermitteln. Diese Prinzipien finden sich im ersten Kapitel der Nationalen Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes (2023). «Die Entscheidung darüber, ob einer bestimmten Empfehlung gefolgt werden soll, muss individuell unter Berücksichtigung der bei der jeweiligen Patientin beziehungsweise dem jeweiligen Patienten vorliegenden Gegebenheiten und Präferenzen sowie der verfügbaren Ressourcen getroffen werden».
Ein ethisches Dilemma ist damit vorgegeben. Wir verfügen weder über die zeitlichen und finanziellen Ressourcen noch über die nötigen Ausbildungen, um Menschen mit komplexen chronischen Krankheiten gerecht zu werden und eine individuelle Behandlung einzuleiten. Ethische Prinzipien stehen oft diametral der Eigenverantwortung, den gesellschaftlichen Erwartungen, den verankerten Werten der Betroffenen aber auch der Behandelnden gegenüber. Das aktuelle Zauberwort wäre der Informed Consent. Es würde bedeuten, dass sich die Behandelnden und Betroffenen auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, dass die Betroffenen die Vorschläge nicht nur verstehen, sondern auch in ihrem Lebensalltag umsetzen können. Und wir, bei allem Berufseifer, niemandem schaden und wichtige therapeutische Massnahmen nicht unterlassen, weil wir denken, dass es sowieso nichts bringt. 
Ethisch handeln heisst, auch dem Gegenüber das Recht auf eigene Meinungsbildung und Ansichten zuzugestehen. Auch am Silvestertisch. Am besten fange ich mal bei mir selbst an. Natürlich Besserwisserin. 

Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftli-chen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes – Leitlinienre-port. Version 3.0. 2023 [cited: 2026-01-08]. DOI: 10.6101/AZQ/000500. www.leitlinien.de/diabetes. 
Internet: www.leitlinien.de, www.awmf.org.

Dissemond, J: Kröger, K; Chronische Wunden, Diagnostik – Therapie – Versorgung; 2. Auflage; 2024; Urban & Fischer

Heidemann C, Tunce O, Reitzle L:
Diabetesbedingte Major- und Minoramputationen –
Zeitliche Entwicklung in Deutschland
Epid Bull 2025;46:3-9 | DOI 10.25646/13542
https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/13073/EB-46-2025_10-25646-13542.pdf?sequence=1&isAllowed=y
Folge 33
Dieses Jahr will sich die Weihnachtsstimmung nicht so recht einstellen. Obwohl ich die Festtage gerne habe. Das Haus ist dekoriert, die Weihnachtsgüetzi gebacken, die Geschenke verpackt. Ich bin bereit. Ich weiss nur nicht so recht für was?  Es regnet und es ist zu warm. Der Schnee nur auf den Bildern. Was erwarte ich von Weihnachten? Einen magischen Moment? Schönes und Aufrichtiges erleben? Weihnachtszauber? Jage auch ich weihnachtlichen Klischees nach? 

Alle traditionellen Weihnachtsgeschichten fangen mit etwas Elendigem an. Zum Beispiel mit einem Menschen, ganz allein, hungrig, keine Familie, kein Dach über dem Kopf, zu allem Traurigen auch noch krank. Ein anderer Mensch kommt des Weges und nimmt ihn und sein Elend auf, alle sind froh, dankbar und beseelt. Der Arme ist weniger arm, der Edle ist edler. Alle Weihnachtsgeschichten enden am Heiligen Abend, ihrem jeweiligen Höhepunkt. Das ist auch bei der Urweihnachtsgeschichte so. Fortsetzungen gibt es nicht. Weil wir die nicht wollen und vielleicht auch nicht ertragen würden. Weil sie Illusionen zerstören. Weil der nächste Tag immer schwierig wird. Wohin mit dem armen, kranken Menschen? Vielleicht will er gar nicht mehr gehen? Vielleicht ist sein Körpergeruch unangenehm? Vielleicht ist er nicht genügend dankbar? Und die Fortsetzung könnte uns die Feststimmung am Heiligen Abend verderben. 
Die Realität ist anders, die schenkt uns das bittere Ende nicht. Kriege werden an Weihnachten nicht unterbrochen, Geschäfte laufen auf Hochtouren weiter, der Alltag will gelebt werden. Die blinkenden Elche stehen im Gras und nicht im Schnee. Wir kapseln uns ab, feiern mit unseren Engsten, die Obdachlosen werden staatlich oder von der Heilsarmee verköstigt, dieser haben wir immerhin gespendet. Unser Haus ist noch geschlossener als sonst. Wir wollen einander nicht beim Feiern stören, darum gibt es auch keine spontanen Besuche. «Es gibt nichts Schöneres als die Familie um sich zu haben», sagen wir zueinander und meinen es meistens – mindestens vorgängig - auch so. In unserer Vorstellung herrscht in den hellerleuchteten Wohnungen eine festliche, harmonische Stimmung, nur strahlende Gesichter spiegeln sich im polierten Fondue Chinoise Caquelon. Familien finden zusammen, alle sind adrett angezogen, die Kinder brav und dankbar, die Beleuchtung elektrisch, der Grossvater trägt ein blinkendes Elchgeweih im Haar. Das Essen ist das grosse Verbindende, das Zentrale. Die Detailhändler helfen dabei, kreieren ein Menu mit lauter edlen Fertigzutaten und verkaufen farblich passende Servietten dazu. Sie zwingen uns mit Bildern von Festtischen in assoziierten Farben, köstlichen Speisen und strahlenden Menschen eine Erwartung und Sehnsucht auf, die sich dann doch nicht erfüllt. Schon nur, weil es draussen nicht schneit. Es kann sich nicht erfüllen, weil der Mensch nicht aus Hochglanz besteht. 

Als Pflegefachfrau bei der Spitex weiss ich nur zu gut, dass es eben anders sein kann und ist. Ich gehe von Haus zu Haus und sehe auch in diesen Tagen Krankheit, Abhängigkeit, Schmerzen und Einsamkeit. Betroffene und Angehörige im Stress, den Spagat zwischen alt und jung versuchend. Das macht Weihnachten nicht leichter. Im Gegenteil, das Unglück verdoppelt sich an Weihnachten, das Schwere wiegt deutlich mehr. Weil die Verordnung zum Glücklichsein überall spürbar ist und die Menschen es nicht sind. 

Mindestens bei Schwester Rosa ist es so. Ich besuche sie, wie schon manches Mal zuvor. Schwester, darauf legt sie grossen Wert, sie ist eine Krankenschwester der ersten Stunde. Die Bezeichnung «Pflegefachfrau» ist für sie der definitive Beweis, dass es mit dem Berufsstand bergab geht. Was heisst bergab? Im freien Fall dem Abgrund entgegen. Schwester Rosa ist nie zufrieden. Sie mag nichts, vor allem mag sie sich selbst nicht. Sie mag auch ihre Wohnung nicht, sie mag die Menschen nicht, sie mag ihr Leben nicht, sie mag die Sommerzeit nicht und auch die Winterzeit nicht, weil sie dann die Uhr wieder umstellen muss. Sie mag kein Essen und keine Geschenke. Sie weist alles zurück, hadert mit dem Leben und der Welt und kann Beidem nichts abgewinnen. Nicht mal sterben kann sie, obwohl sie sich das sehnlichst wünscht, leben kann sie aber irgendwie auch nicht. Ihre Situation bedrückt mich seit längerem, sie ist meiner Weihnachtsstimmung nicht förderlich. Ich möchte ihr gerne etwas Abnehmen, von ihrer Last. Ich möchte gerne die Edle sein in der Weihnachtsgeschichte und irgendwie helfen. 
«Was machen Sie an Weihnachten?», wage ich zu fragen. «Hören Sie auf mit Weihnachten», faucht sie, «das ist die schlimmste Zeit des Jahres. Ich gehe ins Bett und warte bis es vorbei ist». Ich hätte es mir denken können, trotzdem überreiche ich ihr eine kleine Büchse mit selbstgebackenen Weihnachtsgüetzi. Das schien mir noch an diesem Morgen eine gute Idee. «Die können Sie gleich wieder einpacken, die esse ich nicht. Man weiss nie, ob die Leute sich vor dem Backen die Hände waschen», kommt es prompt und böse. Ich packe die Büchse wieder ein, dazu gibt es nichts zu sagen. Ausser sich zu ärgern. Frech ist das. Schwester Rosa zetert weiter über Weihnachten und die Heuchelei, die schlechte Welt, sie speit Gift und Galle, nichts kommt ungeschoren davon. Ich versuche mich zu bewahren vor all dem Negativen, das mir heute besonders zusetzt. Negatives kommt in meinen Weihnachtsvorstellungen eben auch nicht vor. Ich denke mir eine dicke Schutzschicht, wickle mich darin ein, schütze mich, versetze mich gedanklich an einen anderen Ort. Zum wiederholten Mal frage ich mich, warum Pflegefachpersonen kein Sabbatical zugesprochen bekommen.  Bei den Ärzt:innen, den Lehrer:innen und den Pfarrer:innen schon lange eine Selbstverständlichkeit. Nicht bei uns. Dabei möchte ich jetzt gerade eine lange Auszeit. Nichts da. So verbinde ich halt ihre Wunden und wickle die Beine ein. Als ich mich verabschiede, sage ich zu ihr, dass ich nicht weiss, was ich ihr wünschen soll. Frohe Weihnachten wohl kaum? «Nichts», sagt sie, «schweigen Sie einfach, es gibt nichts zu wünschen». Ich schaue sie an, erkenne eine grosse Trauer in ihren Augen, eine Verletzlichkeit und Verzweiflung, gleichzeitig eine hohe, dicke Mauer, die ich nicht durchbrechen kann. Und jede Menge Trotz. Ratlos verlasse ich das Haus und denke, dass diese Geschichte nicht schön endet. Als ich bei meinem Auto ankomme, öffnet sich ein Fenster im obersten Stock und eine dünne Hand winkt zwischen den Jalousien. «Schwester, Schwester» ruft Schwester Rosa, «kommen Sie nochmals, ich habe etwas vergessen». Ich steige die Treppe widerwillig wieder hoch und trete erneut ein. Schwester Rosa steht verloren im Gang und schaut mich an. «Ich äh, also ich, wie soll ich sagen, ich wollte nur…». Das kann dauern, denke ich und setze mich auf den Garderobenstuhl. So sind wir auf Augenhöhe. Ich lasse ihr Zeit, die Wörter zu suchen und zu finden. «Sie meinen es ja gut», bricht es aus ihr hervor, «ich wollte nicht…». Sie bricht ab, kann nicht mehr sprechen, ihre Stimme zittert. Ich stehe auf und nehme Schwester Rosa in die Arme. Ich fühle sämtliche Knochen ihres abgemagerten Körpers. Sie beginnt zu weinen und ich weine mit. Ich halte sie in den Armen, bis sie aufhört zu schluchzen, mich wegstösst und sagt: „Mich hat noch nie jemand umarmt». Wir schauen einander an, ich fassungslos. Sie trotzig. «Und Ihre Eltern?», frage ich. Sie schüttelt den Kopf. Mein Schutzpanzer ist weg. Ihrer ist wieder da. «Adiö», sagt sie. 
Ich verlasse das Haus in der Meinung, vielleicht etwas Kleines verändert oder angestossen zu haben. Vielleicht ist der erste Stein der Mauer abgetragen? Möglicherweise kann Weihnachten auch sich in die Arme nehmen und miteinander weinen bedeuten? 
Mein vorsichtig hoffnungsvolles Gefühl hält bis zum nächsten Besuch an. Die Illusion wird jäh zerstört. Schwester Rosa schimpft wie eh und je, vorbei ist die Nähe, zurück ist ihr Schmerz und ihre Verbitterung. Alles ist schlecht, wie es schon immer war.
Schade, denke ich, dass die Geschichten des Lebens nicht auch dann aufhören, wenn sie am schönsten sind. Dass es ein nächstes Mal gibt, dass sie sich fortsetzen müssen. Dass der magische Moment vorbei ist und die Realität wieder zuschlägt. 
Trotzdem bin ich dankbar, meinen Weg auch im nächsten Jahr weitergehen zu können. Mich den wunden Punkten der Menschen und den eigenen weiterhin zu stellen. Schwester Rosa werde ich noch viele Male besuchen und vielleicht Weihnachten doch noch erleben mit ihr. Auch wenn es dann möglicherweise Sommer ist. Die Hoffnung ist es, die uns durch die Festzeit trägt. Und von der wünsche ich euch allen ganz, ganz viel. 
Folge 32
Ich hatte lange Ferien. Und musste verreisen. Zu Hause bleiben war diesmal keine Option. Der Chirurg hat darauf bestanden Ferien ausser Haus zu machen. Er findet, dass wir räumliche Distanz ebenso brauchen wie arbeitsfreie Zeit. Er kann sich zu Hause nicht erholen, daran hindert ihn die Haushaltführung, die in seiner Hand liegt. Und die Steinpilze, die er einsammeln muss, weil er weiss, wann wo welche stehen. Ich könnte mich zu Hause prächtig erholen, dabei würden mir die Haushaltführung des Chirurgen und seine Steinpilze wunderbar helfen. Wobei mich seine Argumentation schon zum Nachdenken brachte. Ich glaube, ich habe nie überlegt, dass auch Männer eine Haushaltpause brauchen. Ich staune, wie schnell sich die Spiesse gedreht haben. Wie wir, geschlechterunabhängig, in die gleichen Fallen tappen. Während ich, in der Zeit meiner langjährigen Brut – und Aufzuchtphase volle Anerkennung einforderte, habe ich mich nun leicht daran gewöhnt, dass die Hausarbeit zum grössten Teil durch den Chirurgen gemacht wird. Dass er einen Unterbruch einforderte, kann ich nachvollziehen. Ich willigte also ein, zu verreisen - mit der Bedingung, mich weder über An- noch Abreise noch Feinprogramm kümmern zu müssen. Einig waren wir uns über Ort und Form, der Trilho dos Pescadores in Portugal sollte es sein, der war seit langem auf unserer to do Liste. 

Eigentlich wollten wir mit dem Nachtzug nach Lissabon fahren, mussten aber feststellen, dass es gar keinen gibt. Fake Literatur.  Mit den Tagzügen würde die Reise ewig dauern, beschied der Chirurg und buchte zwei Flüge bereits im Frühjahr. Einen Hinflug nach Faro und einen Rückflug ab Lissabon. Dann ruhte er sich aus und ich sowieso. 

Kurz vor der Abreise wurde der Chirurg plötzlich aktiv und setzte sich mit der Wanderroute auseinander. Im Internet sah er sich die Etappen an, las Reiseberichte und skizzierte ein Programm, das uns auf den Leib geschneidert war. Im zweiten Schritt schrieb er Reiseorganisationen an, welche sich die Vermarktung des Trails auf die Fahne schrieben. Aber oha, er hatte die Rechnung ohne Wirt gemacht. Lieber Herr Chirurg, so geht das nicht, schrieben die Büros, der Trail wird von Norden nach Süden gewandert, und nicht umgekehrt bitte schön. Das wollte nun aber partout nicht in den Chirurgenschädel, er schrieb und schrieb und schrieb bis sich endlich ein Reiseveranstalter seiner erbarmte und eine Wanderung gegen den Strom offerierte. Und uns einen Reiseführer zusandte, mit der Empfehlung zum Rückwärtslesen. 

Äusserst gut gelaunt reisten wir nach Faro. Im B&B, wobei es allerdings nur bed aber kein breakfast gab, hatte es im Gang eine Kaffeemaschine. Die schmalste und steilste Treppe der Welt führte auf eine wunderbare Dachterrasse mit zwei hängenden Korbstühlen – ideal, um in den Tag zu schaukeln und ihn auch so zu beenden. Ideal auch, um nach der Reise im hauseigenen Wlan online zu gehen und Mails, WhatsApp, LinkedIn, Wetter und sonstige Dringlichkeiten zu checken. Dies nahm der Chirurg zum Anlass, mir vor Augen und in Ohren zu führen, dass meine Smartphonezeit ein bedenkliches Ausmass angenommen hätte. Er appellierte dringlich an eine digitale Selbstkasteiung, erklärte wie entsetzlich ersetzlich der Mensch sei. Niemand würde mich zu Hause vermissen. Und dass sich ebenfalls niemand für meine Ferienbilder interessieren würde, weil wir damit tagtäglich überschwemmt werden und der Apérol Spritz überall gleich aussieht. Ich würde mich noch in den sozialen Abgrund scrollen, prophezeite er. Besser wäre, sich in den Ferien füreinander zu interessieren und sich mit uns selbst auseinanderzusetzen. Und zur Ruhe zu kommen, damit meinte er vor allem mich. Aha, dachte ich, das wird ja lustig. Ich lasse mir meine Smartphonezeit weder ein – noch beschränken. Und Selbstbeschäftigung und ruhig sein, sind nicht meine Stärken. Ich maulte, dass wenn das «Sich mit sich selbst auseinandersetzen» bedeuten würde zu schweigen, ich mir flugs eine andere Wanderpartnerschaft suchen würde. Nur dem Vino verde und einem fantastischen Sonnenuntergang war es zu verdanken, dass wir einen harmonischen ersten Abend in Faro hatten. 

Am nächsten Morgen erwachte ich, meinem Arbeitsrhythmus gehorchend, viel zu früh und beschloss, mit Buch, Kaffee und Smartphone auf die Terrasse zu schleichen, um dort schon mal ungestört in den Tag einzutauchen. Als ich das Smartphone vom Kabel trennen wollte, hielt ich inne. Warum brauchte ich jetzt das Gerät? Nachrichten und Mails checken?  Wetter abfragen bei wolkenlosem Himmel? Ich beherzigte mir des Chirurgen Predigt und liess es im Zimmer. Korbstuhl, Kaffee, Sonne, im Pyjama lesend auf einer Dachterrasse in Faro – es konnte mir nicht besser gehen. Das Glücksgefühl hielt an, bis ich feste, zu feste Tritte von der Treppe herkommend registrierte. Ein wildes Schnaufen und Stampfen näherte sich meiner Idylle. Das konnte nur der Chirurg sein. Und tatsächlich tauchte sein geröteter Kopf in der Dachluke auf. «Guten Morgen» sagte ich fröhlich, obwohl ich schon wusste, dass er keinen guten Morgen hatte. «Hast du dein Smartphone?» fragte er atemlos. «Ich?» gab ich erstaunt zurück, «ich mache jetzt digital Detox», und strahlte ihn an. «Scheisse, Scheisse, Scheisse», kam es zurück. «Aber hallo» wunderte ich mich jetzt doch ein bisschen. «Ich wollte mir im Gang einen Kaffee holen und die Zimmertüre ist hinter mir ins Schloss gefallen, mein Smartphone, Portemonnaie und die Schlüssel sind auch drin», erklärte der Chirurg. «Willkommen beim digitalen und auch sonstigen Verzicht und einem Tag im Pyjama in Faro», konnte ich da nur sagen.

Mit einem Kaffee setzten wir uns zur Lagebesprechung in die Korbstühle. Wir hatten weder die Adresse der Wohnungsbesitzer, noch erinnerten wir uns an irgendeinen Code, wir konnten nichts im Internet abrufen, wir hatten kein Geld und kein Telefon und waren beide im Schlafanzug. Und wir realisierten, wie abhängig wir von diesem Gerät sind. Nichts ging mehr. Zur Ruhe kamen wir dadurch aber nicht. 

Der Chirurg – ein Mann mit Schneid - fasste eine Runde um den Block ins Auge, damit er sich ein Bild von der Fassade machen konnte und wollte prüfen, ob vielleicht unser winziger Balkon zu erklettern war.  Immerhin war in unserem Zimmer die Balkontüre offen. Während der Chirurg barfuss und im Pyjama seine Runde machte, musste ich derweil die Haupttüre blockieren, damit die nicht auch noch zufiel. Der Chirurg kam nach seiner Rekognoszierungstour zurück und meinte, eine Kletterpartie an der Fassade könnte Abhilfe leisten. Er musste nur in ein nahegelegenes Zimmer gelangen und könnte dann von dort auf unseren Balkon klettern. Gedacht getan. Er hämmerte an die Tür des Nachbarzimmers wie ein wildgewordener Stier, den man nicht in die Arena lässt und wunderte sich, dass die Türe nach längerer Zeit nur einen kleinen Spalt breit aufging und ängstliche Augen zu sehen waren.  «Can I come into your room?» fragte er. «No», rief die Frau in grosser Angst und schloss die Türe in Windeseile. Der Chirurg erklärte nun durch die geschlossene Türe seine verzwackte Situation und wir hörten dann immerhin ein ermutigendes: «Just a moment». Dann wurde die Türe wieder geöffnet, die Frau war jetzt angezogen und der Chirurg stieg auf ihren Balkon. Ich bürgte für seine Redlichkeit. Und wartete im Gang, schickte ein Stossgebet zum Himmel und hoffte, dass er nicht abstürzen würde. Schon krachte es und etwas stürzte zu Boden. Ich erstarrte und war noch immer nicht ent-starrt, als sich nach einer gefühlten Ewigkeit unsere Zimmertüre von innen öffnete und der Chirurg strahlend sagte: «Willkommen Madame, treten sie ein». 

Ab da versicherten wir uns jedes Mal, bevor wir die Unterkünfte verliessen: Smartphone dabei? Vorbei war die digitale Auszeit, beziehungsweise es ist nun geklärt, dass wir beide gleichermassen an der digitalen Kommunikation hängen und abhängen. Erfreulich, dass wir dann doch noch Zeit und Musse fanden, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen und viele spannende Fragen und Themen zu diskutieren. Wir waren im wahrsten Sinn des Wortes unterwegs, wenn auch in verkehrter Richtung, die wunden Punkte konnten «en passant» aufgedeckt und besprochen werden.  Die nicht wunden Punkte feierten wir. Kilometer um Kilometer wanderten wir der Küste entlang und genossen, dass wir dringliche Fragen ohne Verzögerung klären konnten. Wie zum Beispiel, ob der Meeresspiegel immer auf null Meter liegt. Da hörte ich etwas von Rotation und Umfang und Nord – und Südpol und unterschiedlichem Durchmesser und Gezeiten und physikalischen Kräften, die an den Meeren zerren und die Distanz zum Erdmittelpunkt…. Ich klinkte mich bald aus und bewunderte die schönen Farben und das Meer, hielt nach Delphinen Ausschau.  Als sich der Chirurg erschöpft hatte und mich fragte, ob ich alles verstanden hätte, sagte ich: «Nein, meine Frage war, ob alle Meeresspiegel auf null Meter liegen». Der Chirurg warf mir einen verzweifelten Blick zu, der seinem Unverständnis Ausdruck verlieh, und wünschte sich wohl ein Ende der «Mitsichselbstauseinandersetzung». «Was willst du denn hören?», fragte er mich und ich sagte: «Ja oder nein». Er sagte: «Fast». Damit war ich zufrieden, mit fast kann ich leben und konnte mich der nächsten dringlichen Frage widmen. «Warum hast du dich vor 40 Jahren für mich entschieden?». Da wurde es richtig spannend und ich erfuhr von Gedankengängen und Gefühlen, Abwägungen und Entscheidungen, von denen ich bis dato nichts ahnte oder wieder vergessen hatte. Wir tauschten aus, wir überlegten was noch war wie vor 40 Jahren, was ändern sollte und was bleiben darf. Wir stellten einmal mehr fest, dass der Mann tendenziell hofft, dass die Frau bleibt, wie sie ist und die Frau eher davon ausgeht, der Mann ändere sich dann schon noch unter ihrem Einfluss. Beides ein Trugschluss. 

Es wurden prächtige, erholsame Ferien, wir kehrten erholt nach Hause zurück. Und in schöner Übereinkunft stellten wir fest, unterwegs sein ist und tut gut, verkehrtherum und gegen den Strom eher noch besser. Das würden wir dringend empfehlen. 

Aber irgendwann ist fertig lustig mit an den momentanen Grundbedürfnissen herum zu studieren, irgendwann ist alles bestellt, alles bestaunt, alles ausgekostet, alles fotografiert und alles genossen. Ich freute mich sehr auf meine Arbeit, auf unsere Familie und auf die Kühe vor dem Haus mit ihrem Gebimmel. Und als uns das Grosskind beim Wiedersehen mit den Worten begrüsste: «Hani so Fröid», wussten wir, drei Wochen sind genug. Ich koche jetzt dafür ab und zu und helfe im Haushalt. 

Und das, was in Faro vom Balkon fiel, war glücklicherweise nicht der Chirurg, sondern der Bambussichtschutz. Das haben wir wieder in Ordnung gebracht. Chirurgen machen viel kaputt, aber flicken - das können sie wie niemand sonst.
Folge 31
Als Spitexmitarbeiterin in Interlaken unterwegs zu sein, fordert sehr viel Geduld, Energie, Toleranz, Nachsicht und Guten Willen. Verschiedene Hürden sind zu überspringen – der weltmeisterliche Lauf der Berner Hürdenspringerin ist ein Klacks dagegen. 

Erstens sind wir mit drei Bahnhöfen auf kleinstem Raum gesegnet – gefühlt verbringe ich einen Grossteil meines Arbeitstages vor geschlossenen Barrieren. Da kann ich beobachten, wie unsere Gäste die Züge filmen und sich der grossen Herausforderung stellen, zu erahnen aus welcher Richtung der Zug wohl kommt. Sie posieren mit ihrem Smartphone, um den Film ihres Lebens zu machen. Thema: vorbeifahrender Zug. Dafür riskieren sie viel, mitunter auch, zwischen die Bahnschranken zu geraten. Unsere Aufgabe ist es dann, sie aufmerksam auf drohendes Ungemach zu machen und nicht selten, sie von den Geleisen wegzuzerren, da sie partout nicht verstehen, warum sie sich dort nicht aufhalten sollen. Züge scheint es in ihrer Heimat nicht zu geben, die Faszination dafür ist so ungebrochen wie für die Kühe. Davon aber später. 

Die zweite Herausforderung sind die Kutschen. Wehe, wir geraten mit dem Auto hinter ein solches Gefährt, dann ist Entschleunigung angesagt. Das dritte Ungemach droht von den Fussgängern, die einfach auf die Strasse treten, ohne zu schauen. Damit ist immer zu rechnen. Das vierte Problem geht von den E-Bikes aus. Lautlos und pfeilschnell schiessen sie aus Nebenstrassen und Häusergassen, keine Konzentrationsschwäche ist am Steuer erlaubt. Die fünfte Schwierigkeit ist wiederum den Touristen geschuldet, die ein Fahrrad mieten und nicht fahren können. Sie zittern und schwanken auf den Strassen hin und her, haben keine freie Hand, um Handzeichen zu geben, können nicht voraussehend reagieren und blockieren meist ihre ganze Strassenbreite. Sechstens ist immer mit nervenverlierenden Einheimischen zu rechnen. Plötzlich brechen sie aus, schiessen nach vorne, weil es ein AI-Fahrzeug zu viel ist, das links blinkt und rechts abbiegt. Der ganze angestaute Ärger lässt sich nur noch über die Hupe und eine halsbrecherische Fahrt abbauen. Wenn das alles vorbei ist, kommt noch der kleine Touristenzug – die nächste Verzögerung ist programmiert.  

Das alles ist zu ertragen, schliesslich sind wir auch fürs Fahren bezahlt. Richtig herausfordernd ist aber die Parkplatzsuche im Zentrum von Interlaken. Wenn einer, von den wenigen Menschen, die noch im Ortskern wohnen, erkrankt und Hilfe braucht, brauchen wir auch Hilfe. Einen wohnungsnahen Parkplatz zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn jetzt jemand glaubt, dass die Parkwächter bei Spitexfahrzeugen grosszügig sind, dann besteht hier eine krasse Verklärung der Situation. Das Gegenteil ist der Fall, Spitexmitarbeitende zahlen ihre Bussen pünktlich, im Gegensatz zu den Mietwagen, deren Fahrer:innen nicht belangt werden können. Wir müssen unsere Bussen selbst berappen, unser Betrieb distanziert sich von Falschparkierenden. So können wir mitunter unser Stundeneinkommen gleich wieder abgeben. Bei der Spitex zu arbeiten ist weit mehr als pflegen. Das ist ein täglicher Überlebenskampf. Aber ein schöner!

Dank eines abgelegenen Parkplatzes komme ich an einem schönen Tag in den Genuss, mit Rucksack und Koffer über die Höhenmatte, dem Begegnungszentrum von Interlaken, zu spazieren. Ich schaue dem lebhaften Treiben gerne zu, bewundere das Panorama und bin erfreut, dass die Rinder bereits auf der Matte, beziehungsweise auf dem Teil, den die Gleitschirmflieger nicht für ihre Landungen beanspruchen, weiden. Die Glocken bimmeln heimatlich, mir wird warm ums Herz. Hier bin ich trotz allen verkehrsbedingten Schwierigkeiten gerne zu Hause. Kühe mag ich seit jeher. Da fällt mein Sperberblick auf eine Bank, welche von einem richtigen Bauersmann besetzt ist. Ein krasser Kontrast zu den internationalen Schönheiten, die wie aus dem Ei gepellt posieren.  Vor ihm die Rinder und drei junge Frauen die – «ooooh my gooood» – aufgeregt mit ihren Kameras sich vor den Tieren, sich neben den Tieren, sich vor den Bergen, sich von vorne, sich von hinten, sich und nochmals sich gegenseitig fotografieren. Der Bauer schaut grimmig, wenn nicht zusagen böse. Sehr böse. Ich schmunzle und wittere gute Unterhaltung und bleibe stehen. Aber nicht nur der Unterhaltung wegen, irgendetwas irritiert mich an dieser Situation. Ich weiss nur noch nicht was, aber etwas stimmt hier nicht.
 
Eine der Frauen wendet sich nun an den Bauern. «Is this a Swiss cow? », fragt sie. Keine Reaktion des Bauern. Sie wiederholt die Frage lauter. Nichts. Die Freundinnen eilen zu Hilfe, im Chor fragen sie den Bauern noch einmal langsam und laut: «Is this a Swiss cow?». Der Bauer fühlt sich jetzt doch etwas bedrängt und zur Antwort genötigt, er schüttelt den Kopf und sagt: «Nei». Die Frauen sind enttäuscht, haben sie doch im Internet von schweizerischen Kühen gelesen und jetzt sollen das keine sein. Sie fragen ein viertes Mal, der Bauer bleibt dabei, schüttelt wieder den Kopf. Die Frauen entfernen sich, wild gestikulierend und diskutierend. Der Bauer schüttelt ärgerlich den Kopf noch etwas weiter.  Und plötzlich weiss ich, was mich irritiert. Der Bauer gehört da nicht hin. Kein einheimischer Bauer sitzt auf einer Bank, mitten am Tag an der Höhenmatte und schaut den Kühen zu. Das ist unter seiner Würde, entgegen allen bäuerlichen Prinzipien. Für so etwas haben die Bauern keine Zeit. Etwas stimmt also mit dem Bauern nicht. Intuitiv setze ich mich zu ihm, er schaut mich knapp an und wendet sich demonstrativ ab. «Was war das eben?» frage ich entschieden. Keine Antwort. «Warum haben sie den Frauen gesagt, das seien keine Kühe? Haben sie zu viel Käsewerbung geschaut, oder was?». Nichts. «Haaaalloooo, sprechen sie mit mir», insistiere ich und lasse ihn nicht aus den Augen. Er ist blass, schweissig und vornübergebeugt. «Das sind keine Kühe, das sind Guschti», murmelt er ungehalten. Ich: «Also bitte!». Er: «Nein, das ist ein Unterschied». Ich: «Schon, aber für die Touristinnen nicht relevant. Wären sie nicht auch froh, wenn sie Antworten bekämen in fremden Ländern?». Er: »Ich bin nie in fremden Ländern, ich bleibe daheim». Das ist wohl der Punkt, denke ich und lasse einen Moment der Stille zu. 

«Geht es ihnen gut? Sie gefallen mir nicht so recht», eröffne ich. Jetzt schaut er mich das erste Mal richtig an, liest mein Namensschild und nimmt mich wohl als Pflegende war. «War beim Hausarzt» murmelt er. Augen schliessen, langsam auf zehn zählen, ich bin nah dran, denke ich. «Er sagt, ich soll abwarten». Nun schauen wir einander an. «Bei was abwarten?», frage ich. «Bei den Schmerzen», sagt er. Ich: «Aha». In dem Moment weiss ich, warum er hier sitzt. Ich wette gegen mich, der hat eine pAVK, (periphere arterielle Verschlusskrankheit) darum sitzt der hier auf der Bank. Der muss Pause machen. Der sitzt nicht freiwillig auf einer Bank und schon gar nicht so wie der aussieht.  Der erholt sich von seinen Schmerzen, die beim Gehen auftreten. Die nächstgelegene Arztpraxis liegt 300 Meter entfernt.  «All in», denke ich und beschreibe ihm seine Beschwerden, wann sie auftreten, wann sie bessern, wie der Schmerz ist und was seine Risikofaktoren sind. Übergewicht und erhöhtes Cholesterin ergänze ich mit Bluthochdruck, die Stumpen, die er raucht, rieche ich. Diabetes lasse ich vorsichtshalber mal weg. Ich kenne seine wunden Punkte und kann sie aufdecken, benennen und erklären. Seine Augen werden immer runder, fragender und erstaunter. Wie kann sie das wissen, denkt er und wund-ert sich. Es beunruhigt ihn auch, ich sehe es seinen Augen an. Ich erzähle ihm, warum ich mich zu ihm gesetzt habe.  Er nickt und hört zu. Ich gebe ihm meine Karte, notiere den Verdacht auf pAVK und empfehle ihm dringlich, nochmals mit dem Hausarzt zu sprechen, ihm seine Beschwerden detaillierter zu schildern und darauf zu bestehen, dass seine Durchblutung abgeklärt wird. Und er soll meine Karte mit lieben Grüssen abgeben. Er nickt. 

Ich komme zu spät zu meinem nächsten Einsatz, die Frau ist wütend und schimpft. Als ich wieder bei meinem Auto ankomme, steckt ein Zettel unter dem Scheibenwischer. Ich bin auf einem Kurzzeitparkplatz für Kunden des Uhrengeschäftes. 

Ich würde hier gerne die Geschichte positiv zu Ende erzählen, wie dem Bauern geholfen - und seine Durchblutung verbessert wurde, er sich überschlagen hat vor Dankbarkeit und ich als seine Heldin dastehe. Nichts von alledem, ich weiss nicht einmal seinen Namen. Ich weiss nichts über ihn, ausser meiner Ferndiagnose. 

Diese Geschichte aber, widme ich allen Spitexmitarbeitenden, die nebst den täglichen pflegerischen und wetterbedingten Herausforderungen immer wachsam sein müssen, die Augen offenhaltend, helfend eingreifen und da sind, wenn man sie braucht. Unsere Arbeit ist keine gewöhnliche Arbeit – es schliesst die Zeit zwischen den Einsätzen mit ein. Spitex ist kein Beruf, es ist eine Herzensangelegenheit. Die Spitexmitarbeitenden leisten Grossartiges. Gerüchten zu Folge, nennt man sie auch Sp-erlock Homes.
Folge 30
Ich möchte gerne ein Gutmensch sein – aber ich bin es nicht. In meinem Umfeld hat es ein paar richtige, aufrichtige, wahrhaftige Gutmenschen, die ich sehr bewundere und immer wieder als Vorbild nehme. Ich möchte auch so sein. Selbstlos, grosszügig, hilfsbereit ohne Gegenleistung zu erwarten, ehrlich und durch und durch gut. Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, mich zu bessern und mich meinem Ideal als Gutmenschen anzunähern. Exakt gleich viele Male bin ich schon gescheitert. Ich ärgere mich zu schnell, ich fühle mich leicht ungerecht behandelt, ich will wertgeschätzt werden, ich will die Welt verbessern – natürlich so wie ich sie mir vorstelle. Ich bin vorlaut, frech, vergreife mich öfters im Ton. Einen Satz kann mich in Rage versetzen und schon entgleise ich verbal. Fühle ich mich getroffen, hole ich zum sofortigen Gegenschlag aus, allen biblischen Verhaltenskodexen zum Trotz. 
Wenn ich das jetzt so - in einem Anfall von Selbstreflexion – niederschreibe, merke ich, dass ich meilenweit von jeglichem Gutmenschentum entfernt bin. Ich bin es höchstens punktuell, vielleicht am Ehesten wundpunktuell, aber auch hier nur ansatzweise in der Nähe meiner Wunschvorstellung. Menschen, die mir bereits ins Messer gelaufen sind, werden das vollumfänglich bestätigen. Allen anderen, die es noch nicht glauben können oder wollen, widme ich meine Septembergeschichte. Danach werden auch sie es glauben.
Ich tat letzthin eine Reise nach Bern. Dazu muss ich ausholen und erläutern, dass wir, die in Interlaken Ortsansässigen, beim Reisen mit dem öffentlichen Verkehr traumatisiert sind. Züge, Busse, Perrons, Haltestellen und Bahnhofhallen sind bei uns restlos überfüllt. Das Einsteigen in einen Zug ab Interlaken West ist ein richtiger Nahkampf und bedarf Nerven wie Drahtseile. Die Gäste reisen mit Riesenkoffer in Überzahl, die keinen Platz in den Wagen finden. Das heisst, meist ist der Eingang bereits so vollgestopft, dass gar nicht eingestiegen werden kann. Man suche sich in der Folge einen Durchschlupf, um nur mal mitfahren zu können, von Sitzplätzen keine Rede. Die Menschen mit den übergrossen Gepäckstücken sind nicht mehr manövrierfähig, können Gepäck weder tragen noch verstauen und müssen erst noch alles bewachen, da es sonst gestohlen wird. Das heisst, es bilden sich statische Klumpen von Menschen und Gepäck und wehe dem, der zuerst wieder aussteigen muss. Das ist erfahrungsgemäss immer der oder die Hinterste. Das Aussteigen gestaltet sich dem zu Folge noch viel schwieriger als das Einsteigen, auch wenn eine Steigerung fast nicht möglich ist. Dazu kommt, dass Anreisende immer erst im falschen Bahnhof aussteigen, auf dem Perron ihren Irrtum bemerken, umdrehen und wieder einsteigen. Sie wissen auch nicht, dass man Menschen aus Zügen und Bussen zuerst aussteigen lassen sollte und erst dann einsteigen kann. Kurz, es ist ein Überlebenskampf und der wird mehr oder weniger aggressiv ausgetragen. Mit der Zeit wird man dadurch nachhaltig geschädigt und ist - mindestens unterschwellig - immer bereit, sich einen Weg durch den Klumpen mit der Machete zu bahnen. Mindestens ich, weil ich eben kein Gutmensch bin. 
Ich freue mich darum besonders auf meinen Ausflug nach Bern. Die Stadt der Behaglichkeit, der Langsamkeit und der niedrigeren Tourismusdichte. Bereits den Bahnhof empfinde ich angenehm leer und schlendere zur Bushaltestelle Kante I. Aus Erfahrung weiss ich genau, wo ich mich hinstellen muss, damit ich vorne bei den Chauffierenden mühelos reinschlüpfen kann, weil dort am wenigsten Menschen ein- und aussteigen. Es funktioniert auch diesmal, der Bus hält punktgenau vor meinen Füssen, ich lasse die Menschen aussteigen, und feiere meine pool Position als Erfolg im Anstehen. Gelernt ist gelernt. Da drängt sich ein grau gekleideter, etwas untersetzter Mann zwischen Bus und mir nach vorne und stellt sich ungeniert vor mich hin. Und dies ist jetzt exakt das eine Mal zu viel, sein Vordrängen bringt mein Fass zum Überlaufen. Oder eigentlich zum Explodieren. Ich grabe meinen Zeigefinger mit Wucht in seinen Trapezmuskel und hämmere darauf herum wie ein Specht zur Reviermarkierung am Baum. «Ja bitte» sagt der Mann, dreht sich um und lächelt freundlich. «Stellen Sie sich gefälligst hintenan» zische ich. Er lächelt noch freundlicher, das ärgert mich zusätzlich. «Sind sie sicher?» fragt er immer noch freundlich. «Aber so was von» entgegne ich, und rege mich, um meine Sicherheit zu demonstrieren noch mehr auf. «Wie sie meinen, ich finde bestimmt noch einen Sitzplatz». Sagts und stellt sich zuhinterst in die Reihe. Bünzliger Bundesbeamter, denke ich und steige endlich ein, finde einen Sitzplatz und fühle mich in meinem Tun mehr als bestätigt.
Der Bus füllt sich, zuletzt steigt der graue Mann ein und lächelt mir schon wieder freundlich zu. Ich schaue böse zurück, gebe mir Mühe unversöhnlich zu wirken, da öffnet er die Schranke und setzt sich schwungvoll auf den Fahrersitz. Nur um mich gleich im Rückspiegel wieder anzulächeln. Mir setzt der Herzschlag aus, ich rutsche in meinem Sitz abwärts wie Käse an der Sonne. Meine Gesichtsfarbe ist auch vergleichbar. 
«Guten Morgen, ich wünsche allen eine gute Fahrt» spricht der Chauffeur gutgelaunt ins Mikrophon «entschuldigen sie die Verspätung, aber ich wurde am Einsteigen gehindert». Er lässt mich dabei nicht aus den Augen und massiert sich den Trapezmuskel. Und ich? Ich schäme mich in Grund und Boden. An der nächsten Haltestelle verlasse ich den Bus durch den hintersten Ausgang. 
Später am Tag trifft mich die Erkenntnis hart: die Bünzli bin ich! Wahre Grösse zeigte hier einzig der Busfahrer. Ein Gutmensch wahrscheinlich.

Auf dem Heimweg lasse ich alle vor, helfe in Interlaken Koffer auszuladen, beantworte Fragen und bin die personifizierte Freundlichkeit. Zwecklos. Wieder ein Tag als möglicher Gutmensch vergeben. Der wunde Punkt bleibt.
Folge 29
Am frühen Morgen fahre ich zu einem ersten Einsatz. Er findet an einem Ort statt, an welchem das DAB-Radio keinen Empfang mehr hat, das GPS orientierungslos ist und die Geranien in kleinen Leiterwagen und alten Waschhafen gepflanzt werden. Wo Ruhe und Ordnung herrschen und sich sogar die Katzen in Zeitlupe bewegen. Wo es im Dorf noch orange Schilder gibt, mit der Inschrift «Kodak Filme». 
Die Wolken hängen tief, es regnet, vom See steigt Nebel auf. Die Hängegleiter können nicht starten, die Velofahrer konsultieren noch die Wetter App und sind unschlüssig, ob sie die Radtour riskieren wollen. Aus Vorsicht essen sie nichts und legen den Energiestängel zur Seite. Könnte nicht verbraucht werden, heute. Die Wanderer legen spontan einen Wellnesstag ein. Die, mit den AI-Nummern (aus Interlaken eben) und die e-Biker sind noch an den Morgenbuffet. Sie werden heute viel verbrauchen, vor allem Strom. Darum stärken sie sich etwas länger. Die Strassen sind leer, noch keine Touristen im Selfie-Modus, die Hunde müssen sich ihre Morgenbedürfnissen verklemmen. Beim Glacé Stand tropft es nur vom Dach, die Kutschenpferde sind heute länger im Stall. Dies ist die Zeit der Spitex, meine Zeit. Ich liebe es, am frühen Morgen bei schlechtem Wetter auf der noch ruhigen Strasse zu sein und in die Behaglichkeit der warmen Stuben eintreten zu dürfen. Den Duft der ungelüfteten Schlafzimmer, vermischt mit Kaffeearoma einzuatmen und mich in der Wärme und am Trockenen für einen Moment niederzulassen. Manchmal auch dankbar, dass es nur für kurze Zeit ist. Ich will hier nichts beschönigen oder romantisieren, es gibt wie immer beiderlei. Die Menschen scheinen mir aber am frühen Morgen verletzlicher und auch offener zu sein. Der Tag hat ihnen seine Last noch nicht aufgebürdet und mir auch nicht. Das ist vielleicht der gemeinsame Punkt. 

Beim Eintreten kommt mir eine Frau entgegen, deren wunden Punkt ich heute verbinde. Sie ist seit einer Stunde bereit. Mein Blick bleibt an einem grünen Einmachglas mit Sonnenblumen hängen. Ich registriere, dass mich dies irritiert. Blumen im Haus gibt es an diesem Ort sonst nicht. Blumen kauft man sich hier nie selbst, geschenkt bekommt man sie nur bei speziellen Gelegenheiten. Die Frau folgt meinem Blick und erklärt, dass sie am Sonntag Geburtstag hatte. Und strahlt. Ich gratuliere und erkundige mich nach ihrem Festtag. Sie erzählt von gemeinsamer Zeit mit der Familie und vor allem, was sie gegessen hat.  Es ist einer der vielen Momente, in denen ich dankbar bin für meinen Beruf. Ich erfahre so viel von den Leuten in ihrem zu Hause. Nur indem ich ihre Wohnungen betreten darf. Gleichzeitig empfinde ich mich oftmals auch als Eindringling und spüre, dass dies den Menschen Mühe macht. Es ist ein Eindringen in die Privatsphäre. Ich kann alle verstehen, die keine Spitex möchten. Zu Hause können sie fast nichts verheimlichen, denn ich kann unmittelbar alles überprüfen. Ob sie den Therapieempfehlungen folgen, ob sie die Treppe bewältigen können, ich weiss, wie weit es zur nächsten Nachbarin ist, die dann schon hilft, wenn es nötig ist. Oder eben auch nicht. Ich sehe, ob die Kraft für die Haushaltführung reicht. Im häuslichen Setting offenbart sich auf den ersten Blick auch eine Menge über die Vorlieben, die Interessen und die Gewohnheiten der Bewohner:innen. Ich sehe die Bücher, die Zeitschriften und ich kann die Bilder betrachten. Und schon weiss ich eine Menge mehr als meine Kolleginnen in den Ambulatorien oder Spitälern je wissen können.
«Möchten Sie einen Kaffee» fragt die Frau freundlich. «Sehr gerne» erwidere ich. Sie läuft zur Kaffeemaschine und trippelt von einem Fuss auf den anderen, um sich fortzubewegen. Hin und her, ihr Gewicht verlagernd. Knie – und Fussgelenke sind nicht im Einsatz. Aha, denke ich, darum hat sie geschwollene Beine und eine Wunde, die nicht heilen will. Die Muskelpumpe ist nicht aktiviert. «Nehmen Sie Zucker?» «Nein, danke». «Sie sollten aber, Sie sind zu dünn», sagt die Frau und schüttet zwei Löffel rein. Übergriffig - das Wort ist gerade trendy - denke ich, ich habe doch nein gesagt. Die Frau kommt mit dem Kaffee zurück und ich wundere mich, dass sie nichts verschüttet, mit ihrem schwankenden Gang. Der Kaffee ist wahrlich süss. Ich sinniere, ob übergriffig auch übergriffig ist, wenn es aus bester Absicht geschieht. Und komme zum Schluss: ja. Ein Übergriff bleibt ein Übergriff, wenn jemand über mich greift, mag ich es nicht. Ob in guter oder schlechter Absicht. Oder auch gar nicht mit Absicht. Was wahrscheinlich der häufigste Fall ist. 
«Warum laufen Sie so?» frage ich, versuche möglichst neutral und wertfrei zu bleiben. Aber eigentlich ist die Frage an sich auch übergriffig, denke ich und begegne dem Wort schon wieder. Geht es mich etwas an wie sie läuft?  «Ich kann einfach nicht anders. Ich bin schon immer so gelaufen», sagt sie. «Das glaube ich nicht», widerspreche ich. «Vielleicht im Ansatz, aber niemals so wie jetzt», dopple ich nach. «Vielleicht, als ich jung war, noch nicht, aber daran erinnere ich mich nicht mehr», erklärt sie. Ich lasse das so stehen. 
Ich kenne nun meine Aufgabe in und auswendig. Im Kopf läuft das Programm «venös» ab. Aufklären, erklären, setzen lassen, warten, nacherklären, Wunde reinigen, phasengerecht verbinden, dann einbinden. Dazwischen und dazu, sich winden. Wickeln und einwickeln. Mischeln und einmischen. Griffig und übergriffig. Es gibt so viel, das die Frau ändern und akzeptieren muss, wenn sie die Wunde geheilt haben will. Ein richtiger Übergriff auf ihr Leben, denke ich. Und ein Angriff auf Verhaltensweisen. Ich trinke meinen Kaffee und mache mich an die Arbeit. 
Dazwischen streue ich Fragen und Informationen ein. Die Frau lässt es über sich ergehen, relativ emotionslos. 
Da entdecke ich einen Strickkorb, angefangene Socken stecken auf den Nadeln. «Stopfen Sie auch Socken, wenn sie kaputt sind? Oder stricken sie gleich neue?», frage ich. «Natürlich, stopfe ich Socken», antwortet sie. Wunderbar denke ich, da kann ich ja gleich etwas Anschauungsunterricht machen. «Haben Sie eine Strumpfkugel?». Was für eine dumme Frage, sagt ihr Blick, ein Griff in den Korb und sie reicht sie mir. Ich schneide ein Loch in ein Stück Baumwollstrumpf und stecke die Kugel rein, das Loch dehnt sich und wird grösser. «Sehen Sie, so ist es mit ihrer Wunde, die Kugel ist das Wasser in ihrem Bein. Das Wasser zieht die Haut und die Wunde auseinander, sie kann nicht heilen und wird grösser. Darum muss das Wasser aus den Beinen, ich entferne die Kugel, das Loch schliesst sich. Darum müssen wir die Beine satt einbinden. So hat die Muskulatur einen Gegendruck und dehnt sich nach innen aus», erkläre ich. Das leuchtet der Frau komplett ein, mindestens nickt sie und fragt: «Stopfen Sie auch Socken?». Natürlich nicht, sagt mein Blick und sie lacht. Das hat sie sich gedacht. 
«Wohin fliesst denn das Wasser, wenn sie es mit den Binden aus meinen Beinen drücken?». Gute Frage, zweifellos. Ich staune immer wieder, wie Menschen ohne medizinische Kenntnisse die besten und treffendsten Fragen stellen. Ich erkläre ihr den venösen und arteriellen Kreislauf, den Rückfluss, den Lymphfluss und mäandere mich in einfachen Worten durch die Anatomie und Physiologie der Gefässe. Die Bewegung, die Muskelpumpe und das obere Sprunggelenk werden thematisiert. Und ich denke wieder an das Bonmot, dass erst, wer etwas einer Anfängerin begreifbar erklären kann, eine Expertin ist. Sie scheint es zu verstehen, denn für die Folgefrage vergebe ich wiederum hundert Punkte. «Warum kommt denn das Wasser überhaupt aus den Gefässen raus?». Nun sind wir bei Krampfadern, Venenklappenschwächen, Risikofaktoren wie Frau, Übergewicht, Vererbung und Bewegungsmangel. Zu schade, dass sich solche Situationen nicht in die Klassenzimmer verlegen lassen. Sie passieren eben dort, wo der Empfang des Autoradios gestört ist. Die Frau, ohne grossen schulischen Bildungshintergrund aber mit viel praktisch verfügbarer Intelligenz, hört zu und be-greift. Sie zieht an den Binden, zupft am Loch im Strumpf, schiebt die Kugel hin und her und versteht. Wir kommen nun zum jeweils heiklen Punkt, ich fange an, die Beine einzubinden. Ich warte auf Einwände wie, nicht so dick, nicht so fest, nicht so viel…. Sie aber sagt: «Ziehen Sie ruhig fester an, ich will das schnellstmöglich hinter mir haben». Das muss man mir nicht zweimal sagen, ich lege den perfekten Kompressionsverband an. Ich lasse den Binden unter festem Zug freien Lauf und denke, so muss es sein. Die Binden finden ihren Weg selbst, sobald ich sie – auch hier - übergriffig in eine Richtung zwingen will, legen sie sich in Falten und ich habe verloren. Mein Verband wird nicht gut, je mehr ich zwinge und zwänge. So begreife ich, ist es auch mit den Träger:innen. Wenn wir sie in eine von uns angestrebte Richtung zwingen wollen, scheitern wir grandios. Wenn wir Dinge verlangen, die sie nicht einsehen und verstehen, werden sie sich nicht daranhalten und ebenso Zornfalten bilden. Wenn wir sie «übergreifen», werden sie sich widersetzen. Darum lassen wir doch die Binden und ihre Träger:innen laufen, ihren Weg finden - aber immer einen festen Halt und Zug bietend. Die Richtung, die wir wollen, ist nicht immer die Beste, weder für die Verbände noch für die Betroffenen. Alles, was im Fluss bleiben soll und will, mäandert nun eben mal. 

Eine Woche später zieht die Frau bei meinem Besuch eine kaputte Socke hervor, die Strumpfkugel ist schon drin, die Nadel eingefädelt. «So, jetzt zeige ich ihnen, wie man Socken stopft», sagt die Frau resolut. «Das müssen sie können». Wie war das? „Sobald jemand in einer Sache Meister geworden ist, sollte er in einer neuen Sache, Schüler werden“ (Gerhard Hauptmann). 
Wie erkläre ich die zusätzliche Zeit nur der Krankenkasse?
Folge 28
«Stell endlich den Backofen ab. Lg.»

Schreibt der Chirurg.

Ich traute meinen Augen und Sinnen nicht. Einfach so. Seine sehnlichst erwartete Nachricht! Und dann sowas. Stell endlich den Backofen ab! Fassungslos ging ich in die Küche und tatsächlich, der Backofen lief auf hohen Touren. Mir fiel ein, dass ich in meinem früheren Leben eine Pizza hatte wärmen wollen. In einem Leben, in dem ich mich noch nicht um einen familiären Entführungsfall kümmern musste. 

Die Wut überfiel mich wie die Hitze aus dem Ofen. Natürlich – der Chirurg hatte es auf seiner App gesehen, mit der er jeweils den Sonntagsbraten im Ofen überwacht. Das war das Hinterletzte. Von wegen schlechte Internetverbindung! In diesem Moment beschloss ich: sollte er je entführt werden, ich würde keinen Rappen bezahlen. Ich war verwundet, ich war empört. Ich spürte nicht einen wunden Punkt, ich war ein wunder Mensch. 

Zum Glück vergingen nochmals zehn Tage bis zu seiner Rückkehr. Bis dahin war meine Wut der Erleichterung gewichen, der Ofen abgekühlt. Ich freute mich auf sein nach Hause kommen. Ich bereitete ein feines Essen vor, dekorierte das Haus und sammelte alle leeren Kaffeebecher ein. Den Pflanzen liess ich eine intensive Hydrotherapie zukommen, den Karton brachte ich in der Tonne der Nachbarn unter. Ich hatte den Chirurgen vermisst, sein Dasein, seine Unterstützung, seine Fürsorge, sein offenes Ohr, seine Kochkünste. Sein Genörgel.  

Und dann, endlich war es so weit, er war wieder da. Unversehrt aus fernen Landen zurückgekehrt.  Es war einer der perfekten Momente, die ein Leben in Partnerschaft zu bieten hat. Mein Essen war wegen schlechtem Zeitmanagement bei seiner Ankunft nicht bereit. Er übernahm selbstverständlich die Fertigstellung, verfeinerte hier und da und rettete, was zu retten war. Er erzählte, ich erzählte, abwechslungsweise, miteinander und vor allem durcheinander. Es gab ein grossartiges Essen. Er sagte nichts über die abgelaufenen Joghurts im Kühlschrank, ich sagte nichts über die Entführung. Ich war froh und glücklich, bis der Chirurg sagte: «Du hast deine Brausetabletten nicht genommen». 

Schon wollte ich ausholen und mich über fehlende Romantik beschweren, dem Chirurgen eigene Verfehlungen vorwerfen – wie du mir, so ich dir. Da liess mich die Wiedersehensfreude innehalten. Vielleicht ist es genau das, was eine tiefe Beziehung ausmacht? Das Erinnern an die Einnahme der Brausetabletten. Weil ich mir in meinem Leben schon fast alle Knochen gebrochen hatte, wacht der Chirurg penibel über meine Knochendichte, Mineralstoffe und Spurenelemente. Dies ist auch nötig, weil ich sie sonst nur der Spur nach nehmen würde. Er hätte es viel einfacher, wenn er mir wöchentlich einen Blumenstrauss übergeben würde, als mich an die Tabletteneinnahme zu erinnern. Ich hätte das Gefühl der Romantik - mindestens in den ersten zwei Wochen. Er müsste viele Diskussionen nicht führen. 

Dass sich eine Beziehung während vierzig Jahren verändert, erscheint mir plausibel. Und ich bin ja schliesslich auch in den Wechsel-Jahren. Der Chirurg erträgt meine Launen, meine Wechsel, meine sich ständig wechselnden Befindlichkeiten mit stoischer Ruhe. Umgekehrt gilt dies natürlich auch.  Er hat auch seine Launen und Wechsel. Ist das gegenseitige Aushalten die Romantik der Ü60?  Ist das Liebe? Ist das Für-Sorge? Vielleicht ist hier der Moment, ihm danke zu sagen, sinniere ich weiter. Ich will es schon tun, als er mir eine Brausetablette auflöst und ich auf dem Röhrchen lese: für Senioren. Meine Laune wechselt abrupt. Nein, bedanken werde ich mich heute nicht. Noch bin ich keine Seniorin. Und sprachlich ist es auch nicht korrekt. Vielleicht hole ich den Dank morgen nach. Darüber schlafen war schon immer klug. 

Als ich mich am nächsten Morgen bei einem sehr betagten Ehepaar um die wunden Punkte kümmern darf, sitzen die beiden bei meinem Eintreffen nebeneinander auf dem Sofa und halten sich an den Händen. Sie sitzen wie jeweils die Paare nach absolvierter Eislaufkür, nahe beieinander, sich stützend und in grosser Erwartung. Nur nicht so jung und nicht so stark geschminkt. Dafür ebenfalls leicht ausser Atem, aber aus anderen Gründen. Sie strahlen so offensichtlich, dass ich mich sofort erkundige, ob heute irgend etwas anders ist als während der vergangenen 86 Jahren. «Ja» sagen sie, « wir feiern den 60. Hochzeitstag». Ich setze mich einen Moment zu ihnen, beglückwünsche sie und gebe meiner Bewunderung Ausdruck. «Hatten Sie auch mal Streit?» frage ich, weil ich es mir bei diesen beiden gerade nicht vorstellen kann.  Sie denken lange nach, schauen sich an, dann mich, dann wieder sich. «Eigentlich nicht», sagen sie – synchron - wie das im Paarlaufen üblich ist. «Das kann doch nicht sein», entgegne ich. «Alle haben mal Streit». Sie schütteln den Kopf, auch das synchron. Es ist zum Verzweifeln mit diesen Beiden. 

Ich frage nach dem Rezept ihrer guten Ehe. Nach wiederum langem Nachdenken sagt sie: «Es gibt kein Rezept, es war einfach immer richtig. Es hat sich von Anfang an gut angefühlt». «Und wie feiert ihr euren Hochzeitstag?», frage ich. Sie schauen sich wieder an, diesmal etwas erstaunt und er sagt: «So». «So? Also so, auf dem Sofa sitzend, sich an den Händen haltend und strahlend?» vergewissere ich mich. «Genau» kommt es wiederum gleichzeitig aus ihren Mündern. 
Ich habe keine Fragen mehr. Ich schäme mich wegen meinen Brausetabletten.

Mit dem Bild des strahlenden Ehepaares, das die gegenseitige Nähe nach sechzig Jahren noch so geniesst, sich an den Händen hält und einfach zufrieden ist, mache ich mich auf den Weg. Kein Fest, keine Blumen, keine Party, keine Kreuzfahrtreise, kein «das gönnen wir uns jetzt, weil wir es verdient haben». Keine Jagd nach romantischen Momenten, die uns von den Medien eingetrichtert werden. Keine Bilder. Einfach so. Bedingungslos. Zufrieden miteinander, mit sich und mit dem Leben, das sich gut gefügt hat. Sich selbst genügend. Ich glaube, ich bin gerade der wirklichen Romantik auf die Spur gekommen. Ich ziehe den Hut vor diesem Ehepaar.  Im Wissen, nie zu erreichen, was sie erreicht haben, nie zu sein, was sie sind. Genügsam nämlich. 

Ich bedanke mich noch gleichen Tags beim Chirurgen für alles und vergesse und vergebe die Seniorentabletten und die «schlechte» Internetverbindung. Wohl wissend, dass der nächste Disput trotzdem nicht allzu weit weg sein kann. 

Als ich dem Chirurgen die beiden letzten Kolumnen - zwecks Erlaubnis zur Freigabe - vorlese, sagt er: «Eigentlich komme ich nicht so extrem gut weg, also auch nicht extrem schlecht, irgendwie einfach nur ein bisschen extrem».

Volltreffer, denke ich.  Auf dieser Basis lässt sich aufbauen. Weitere Ehejahre? Wir sind bereit und klären gerade Grundsätzliches.
Folge 27
Versprechen dienen dazu, eingehalten zu werden. Wer mich kennt weiss, dass ich meine Versprechen nicht immer einhalte. Nicht in böser Absicht, ich gebe sie nur manchmal etwas unüberlegt, aus dem Moment heraus, und nicht selten mit einem Glas Wein im Kopf. Da lässt es sich so schön ver-sprechen, alles scheint möglich. Nun ist es aber an der Zeit, Versprechen – die ich schon mehrmals versprochen habe - einzulösen. 

Erstens: nicht mehr über KI zu schreiben. (Wobei, haben Sie gewusst, dass KI 300 Millionen Bilder einer Katze zugefügt werden müssen, bis KI diese zuverlässig als solche erkennt? Da lobe ich mir mein Grosskind, es hat die Katze bereits nach zehn Mal erfasst und abgespeichert.) Ok, keine KI mehr. Versprochen.

Das zweite Versprechen habe ich dem Chirurgen gegeben. Einmal eine Kolumne zu schreiben, in der er gut abschneidet. Gar nicht so einfach, hat er mich doch in letzter Zeit ab und an geärgert. Aber es lässt sich wunderbar mit dem Versprechen Nummer drei an Leserin C. kombinieren, die sich explizit nach dem Verbleib des Chirurgen erkundigt und wieder einmal von ihm lesen will. Nicht selten erlangen Nebenfiguren einen Kultstatus, während die Hauptprotagonist:Innen blass bleiben. (Solche Sachen lernt man an der WEX-Fachtagung, darum unbedingt nächstes Jahr wieder dabei sein). So musste ich zur Kenntnis nehmen, dass der Chirurg eine eigene fan base erobert hat. Bestehend vor allem aus Männern, die ihn zu gleichen Teilen bewundern und bedauern, aber auch aus Frauen, die von einem Engagement von seiner Façon im Haushalt träumen. Und ihn gleichzeitig auch bedauern. Das ist und bleibt mir allerdings ein Rätsel, warum im Haushalt engagierte Männer ausgerechnet von Frauen bedauert werden.  Ich finde, Frauen sollte bei diesem Thema ausschliesslich Frauen bedauern. Männern würde ich die Wahlfreiheit gewähren. Wie auch immer, der Chirurg scheint sich durch die Hintertüre ins Herz der Lesenden geschlichen zu haben. In meines kam er damals durch die Vordertür. Aber das ist lange her. 

Mitunter weiss man erst, was man hat, wenn man es nicht mehr hat. So ging es mir, als sich der Chirurg für einen dreiwöchigen Einsatz in einem Spital in Tansania verabschiedete. Er wollte sich dort um die chirurgische Hilfe zur Selbsthilfe kümmern.  Ich war etwas schadenfreudig bei der Vorstellung, dass er auch dort binnen null Komma nichts Ordnung würde schaffen wollen. Die werden noch staunen, dachte ich, wie schnell er die Ablaufdaten von jedem einzelnen Lebensmittel auswendig kennt. Und den sterilen Instrumenten. 

Ich freute mich, während dieser Zeit alle Entscheidungen allein treffen zu können, und überall meine leeren Kaffeebecher stehen zu lassen. Meinen Joghurt einen gemächlichen Verfalldatumübertritt zu gewähren.  Vor dem Computer zu essen oder auch mal nicht zu essen. Im Bett so lange zu lesen, wie ich wollte. Meine Arbeitsunterlagen im Haus verstreuen zu können, ohne zur Ordnung angehalten zu werden. Esswaren zu kaufen und dann doch nicht essen, online shoppen und die Pakete ohne vorwurfsvollen Blick empfangen.  Nach Hause zu kommen, wann ich will, und keine Verspätungsausreden ausdenken zu müssen. Den Briefkasten nicht zu leeren, würde mir eine besonders grosse Freude bereiten. Drei Wochen ohne Rechnungen! Eine Zoomsitzung bis Mitternacht ausufern zu lassen – was für einen Leckerbissen. Und ganz wichtig, mit den Vitamin D - Tropfen und den Kalciumbrausetabletten zu pausieren. Ich würde es geniessen. 

Kurz, die Vorfreude war gross. Lediglich getrübt wurde sie durch die minuziösen Anweisungen, welche Pflanzen wieviel Wasser brauchten, welche Gartenarbeiten anstanden, wann das bereits gebündelte Papier an die Strasse musste, Grün- und Kartonabfuhr nicht zu vergessen. Die Pflichtenliste wurde immer länger und ich sehnte die Abreise regelrecht herbei. Ich würde mich prächtig erholen. Meine wunden Punkte zugedeckt unter einem wohltuenden Verband der Eigenverantwortlichkeit und Toleranz. Toleranz von und mit mir. 

Dann war es endlich so weit, ich genoss die ersten Tage, oder mindestens den ersten Tag. Ich breitete mich im Haus aus und lebte herrlich in und mit meiner Strukturlosigkeit. Keine Einschränkungen, keine Widerrede, keine Ermahnungen.  Gut, ich gebe zu, in der Nacht hatte ich ein bisschen Angst, zeitweilig Hunger und sehnte bald eine warme Mahlzeit herbei. Ich vermisste meine Lunchboxen und den frischen Salat. Dann begannen mir die Kaffeebecher auszugehen, die Pflanzen litten, die erste Abfuhr war verpasst. Mit dem Veloanhänger musste ich mein Papier in die Nachbargemeinde bringen, um die dortige Entsorgung sicherzustellen. Lesen am Abend mochte ich nicht mehr so, irgendwie machte es weniger Spass, weil niemand das Licht reklamierte und die Mücken mein alleiniges Problem blieben. Schlafen konnte ich auch nicht so gut, es war zu still und ich hatte abwechselnd entweder zu kalt oder zu heiss. Was mir aber am meisten fehlte war, dass ich nicht von meinen Erlebnissen erzählen -, nicht austauschen - und kein Theater inszenieren konnte. Kein Gegenüber hatte. Und nach Hause zu kommen, war nicht mehr so schön. Irgendwie leer. 

Vom Chirurgen hörte ich nichts, die Internetverbindungen seien schlecht, wurde mir schon prophylaktisch mitgeteilt. 

Dann aber geschah es. Ein Anruf aus Tansania auf meinem mobilen Telefon, von einer lokalen Nummer, die nicht auf der im Voraus erstellten Liste des Chirurgen stand. Sofort war ich alarmiert und schrieb nach Tansania: Geht es dir gut? Habe einen Anruf von unbekannter Nummer?! Bitte melde dich. Vermisse dich!

Und dann dauerte es. Keine Antwort, keine Nachricht, kein Anruf. Also rief ich an, aber der gewünschte Teilnehmer konnte momentan nicht erreicht werden. Jedes Mal, wenn ich anrief, war immer noch momentan. Zur Ablenkung beschäftigte ich mich mit der Frage, ob «momentan» wohl zeitlich definiert sei. Ablenkung nützte nichts. Ich begann, mich in beachtlichem Tempo in ein Horrorszenario zu steigern. Das kann ich nämlich richtig gut, sozusagen meine Paradedisziplin. Es dauerte nicht mal 24 Stunden, da war ich überzeugt, dass der Chirurg entführt war und der verpasste Anruf der Lösegeldforderung galt. Ich sah ihn vor mir, gefesselt, einen Sack über dem Kopf, durstig und hungrig, geschlagen und gequält. Ich litt ebenfalls Höllenqualen. Und war bereit, unser ganzes Vermögen in seine Befreiung zu investieren. Ich würde alles und mehr geben. Ich befasste mich bereits mit der konkreten Umsetzung und musste feststellen, dass ich unsere Finanzen nicht im Griff hatte. Wo würde ich auf die Schnelle die Lösegeldsumme freimachen können? Im Geist durchforstete ich den Familien- und Freundeskreis, wer würde mir ein Darlehen gewähren?  Ich hatte Angst und machte mir Sorgen. Ich war kurz davor, die Kinder über das bevorstehende Unheil zu informieren, da - endlich.  Der Klang einer eingehenden Nachricht auf meinem Telefon. Nicht irgendein Klang, seinen Klang! Zittrig öffnete ich die Nachricht und traute meinen Augen nicht. Es war nicht zu fassen, was ich da lesen musste. Ein wahrer Alptraum. Ich konnte und wollte es nicht glauben. 

Leider muss ich Sie nun kurz allein lassen, ich muss Altpapier bündeln und Karton entsorgen. Und Kaffeebecher einsammeln. Der Chirurg will die Abwaschmaschine starten und wartet. Aber bleiben Sie dran…im Juli geht es hier weiter. Versprochen.
Folge 26
Die Geschichte des freundlichen Schneewittchens (DFS)

Es war einmal ein Mann, der lebte hinter den Bergen (wobei, ob man vor den Bergen oder hinter den Bergen lebt, ist einzig und allein eine Frage der Interpretation des eigenen, geographischen Standortes). Der Mann lebte hinter den Bergen bei den sieben Zwergen im Zwergenland. Er war ein rechtschaffener, fröhlicher Mann, arbeitsam, gut zu seinen Tieren und der Natur. Er wohnte in einem kleinen Zwergenhäuschen, hielt Ordnung, und achtete die Vorschriften und Gesetze. Mit ihm wohnten seine Frau und sieben Zwerge. Der erste Zwerg hiess Hyper Cholesterinus, der zweite Arterio Sklerotikus, der dritte Polio Neuropathzius, der vierte Zwerg hiess Zucchero, der fünfte Hypertonus, der sechste Adipositus und der siebte Tabakus. Die gute Frau des Mannes, versorgte ihren Mann, die sieben Zwerge und sich selbst mit grossen Tellerchen, grossen Becherchen und gefüllten Beutelchen. Oft sassen sie des Abends mit Tabakus auf dem Bänkchen vor dem Haus, und lobten wortlos und zufrieden ihr Dasein. 

Da kam eines Tages ein achter Zwerg des Weges – er hörte auf den Namen pAVK. Er kam in böser Absicht und hatte es auf den guten Mann abgesehen. Er zwickte und zwackte, er hickte und hackte im linken Fuss des Mannes. Er wütete und brütete Unsägliches aus. Der Mann, nichts ahnend von der Arglist des achten Zwerges, versuchte dessen Besuch auszusitzen, auszuhalten und auszuschalten. Bald merkte er, dass wenn er des Nachts den Fuss zum Bett hinaushängen liess, der Zwerg nicht gar so böse war. Der Bauer lachte sich in Fäustchen als er merkte, dass der Zwerg am liebsten mit ihm unter einer Decke stecken würde, und verunmöglichte es ihm in der Folge. Die gute Frau, die praktisch für alles eine Lösung hatte , besorgte eine leere Getränkeharrasse, die Zucchero ins Haus gebracht hatte. Sie stellte sie neben dem Bett auf, so dass der Mann seinen Fuss des Nachts gut darauf positionieren konnte. Damit es der Fuss trotzdem behaglich hatte, strickte die Frau dicke Socken und die waren so weich und warm, dass der Mann sie auch am Tag trug, denn sie passten prima in seine Sonntagsschuhe. Und noch fast besser in seine Arbeitsschuhe. 

Bald mochte der Zwerg auch nicht mehr, wenn der Mann zu lange umherlief, dann krampfte und stampfte er, so dass der Mann vermehrt den Traktor nahm und durch seine Ländereien fuhr. Beim Fahren liess sich der Zwerg beruhigen und der Mann beruhigte sich ebenfalls, weil sich der Zwerg beruhigte. 

Eines Abends, als alle in ihren Bettchen lagen, stach der Frau ein Übelgeruch in die Nase. Was war das jetzt? Kann es sein, dass mein Mann seine Füsse nicht gewaschen hat? dachte sie und zog ihm die Socken aus. Und sah seinen Fuss. Schwarz wie Ebenholz. Weiss wie Schnee. Rot wie Blut – war aber gar nicht gut, denn ruckedigu – kein Blut war im Fuss.

Die gute Frau machte einen heilenden Kräutersud und wusch dem Mann gründlich den Fuss, liess ihn baden und laben, begann zu schmieren und salben, das hilft bekanntlich allenthalben. Leider aber ohne Erfolg. Der Fuss blieb schwarz, der Geruch hing im Häuschen wie eine düstere Wolke über dem sonst klaren Himmel hinter den Bergen. 

«Schneewittchen muss her», befand die Frau, «es ist so gut und weiss für alles ein Mittel.  Schneewittchen wird uns helfen». Schneewittchen war aber gerade etwas überlastet, weil sie zuständig ist für alle Berge und die Täler dazwischen. Die jungen Schneewittchen wollten nicht hinter die Berge, das heisst sie wollten schon, aber nur wenn es frisch schneite und sie von der Arbeit befreite. Sie wollten aber nicht hinter die Berge, um Schneewittchen zu helfen, im Kampf gegen die Zwerge. Die Wege waren zu lang, die Zwergenhäuser zu klein. Sie wollten lieber in den Städten, in den grossen Häusern bleiben und einen geregelten Kampf führen. Schneewittchen beschied der Frau, der Mann müsse zu ihm ins Tal kommen, es habe aber frühestens in drei Wochen einen Termin frei. Um Schneewittchen nicht zu beunruhigen, versicherte die Frau das passe prima, verniedlichte den Gesundheitszustand des Fusses, in dem sie ihn zum Füessli machte, wie das im Zwergenland eben üblich ist. Der Arm wird dort zum Ärmli, der Fuss zum Füessli, die Zigarette zum Zigarettli, das Glas zum Gläsli. In dem alles kleiner gemacht wird, wird auch die damit verbundene, mögliche Gefahr gebannt. 

Der Mann wollte sowieso lieber nicht ins Tal, dort hatte er noch nie gute Erfahrungen gemacht. Er blieb viel lieber hinter den Bergen bei seinen Zwergen. Die Kräuter seiner Frau brachten Linderung – mindestens war er davon überzeugt. Und was bei den Tieren hilft, dachte er, hilft auch bei Menschen, darum nahm er auch noch ein paar medizinische Ingredienzen aus dem Stall ein. 

Nicht lange danach, ergriff ihn das Fieber, es schwitzte und blitzte – der Frau wurde Angst und Bang. Wieder rief sie nach Schneewittchen und dies schickte dem Mann ein grosses Fahrzeug mit blauem Licht, das ihn in seinem Zwergenhäuschen abholte. Die Frau blieb traurig allein zurück, nur die acht Zwerge konnten im letzten Moment ungesehen ins Auto schlüpfen und mitfahren.  

Im Tal, im grossen Haus, in dem alle und alles weiss war, war das Entsetzen gross. Schwarz sahen sie und das sehen sie nie gerne. «Wie in aller Welt kann so etwas passieren?», fragten Schneewittchens Kollegen und Kolleginnen – leider nur sich selbst und einander, nicht aber den Mann. Sie schnitten und stritten, sie desinfizierten und schmierten, sie inspizierten und fotografierten – der Mann wusste nicht wie ihm geschah. Ihm fehlten seine lieben Sachen, sein Häuschen und er hatte grosses Heimweh. Als die Schneewittchen fertig waren mit den Untersuchungen, kamen sie in grosser Gruppe ans Bett des Mannes. Das Oberschneewittchen, hatte darauf bestanden, dass die Wundzwergin mitkam, da diese sich ja mit solchen «Zwergenfüssen» auskennt. Die Wundzwergin wollte schon vor der Türe ein gutes Wort einlegen, kannte sie doch die Bewohner des Zwergenlands. Aber wahrscheinlich war sie zu leise, wurde nicht gehört und fand das un-erhört. Gut war es aber vielleicht doch, wenn sie dabei war, denn sie ist die Einzige, die auch hinter die Berge reist. Darum ging sie mit. 

Das Oberschneewittchen, das aus einem fernen Land kam (die Hälfte aller Schneewittchen in diesem Land kommen aus fremden Ländern), und nicht die gleiche Sprache sprach wie der Mann, fauchte und rauchte, zankte und wankte bedrohlich über dem Mann. Der Spiegel hatte Schneewittchen am Morgen ja versichert: «Du bist so gut, so klug, führst das Messer mit Mut. Du schwingst die Hacke, stehst über der Kacke, bist eine Nette, der Wicht im Bette – der ist Nichts»! So wetterte und zeterte es gegen seine Zwerge und wollte diese aus seinem Leben entfernen. Schwieriger noch, Schneewittchen bestand darauf, dass er sich ihrer selbst entledige.  Alles muss weg, alles muss raus, jetzt beginnt der Ausverkauf. Die Zeit eilt. Der arme Mann konnte und wollte den Tatsachen nicht in die Augen sehen, und klammerte seinen Blick an die Tropfen die regelmässig in seinen Arm tropften und sagte nichts. Er hörte zu, machte zu und wollte Ruh. Oberschneewittchen drohte mit Schneiden und Leiden, mit Ach und Krach, mit Fusse und Busse. Es lebte zwar vor den Bergen, aber es hatte noch nie einen Vortrag über angemessene Kommunikation besucht. Darum war es – auch wenn es vor den Bergen lebte - gewissermassen beim Thema Gesprächsführung- hinter den Bergen.  

Der Mann blieb mit den Augen beim Tropf, ein Durcheinander im Kopf. Sein Herz klopfte, der Schweiss tropfte. Als das Oberschneewittchen alles und zu viel gesagt hatte, verstummte es und ihm fiel auf, dass der Mann sich noch nicht geäussert hatte. «Und», wandte es sich an ihn, «was sagen sie dazu?» Der Mann sagte immer noch nichts. Oberschneewittchen legte ein paar Dezibel mehr in seine Stimme und schrie: »Haben Sie mich verstanden? Wissen sie um was es hier geht?». Der Mann löste endlich seinen Blick vom Tropfhahn, nickte bedächtig, wie nur Männer hinter den Bergen nicken können, und sagte: «Ja, ich habe verstanden - sie mischen sich gerade in mein Leben ein». 

Im Zimmer wurde es stiller als hinter den Bergen – die Ober- und Unterschneewittchen machten auf dem Absatz kehrt und rauschten ab. Draussen vor der Tür wurde die Wundzwergin bestimmt, den Mann entweder zur Vernunft oder wieder hinter die Berge zu bringen. 

Die Wundzwergin atmete tief ein und aus und kehrte ans Bett des Mannes zurück, nahm einen Stuhl und setzte sich. Sie hatte gelernt, dass Schweigen bei den Menschen hinter den Bergen mehr sagt als alle Worte. So schwiegen sie eine ganze Weile, bis der Mann fragte: «Müssen sie sich jetzt mit mir abmühen?». «Ja», sagte die Wundzwergin, wohlwissend, dass jedes nicht gesprochene Wort zählt. «Ich weiss es ja schon, dass es nicht gut ist, aber ich kann doch jetzt nicht alles ändern, oder?», nuschelte der Mann leise. «Wahrscheinlich nicht, ich stelle es mir jedenfalls auch sehr schwierig vor, alles auf einmal zu ändern», antwortete die Wundzwergin. «Sie stellen es sich auch schwierig vor?» fragte der Mann ungläubig. «Wenn sie es auch schwierig finden, finde ich es schon ein bisschen leichter» schob er nach. «Aber wo soll ich anfangen?». «Das dürfen und können nur sie entscheiden», antwortet die Wundzwergin, «ich kann ihnen höchstens bei der Auslegeordnung der Zwerge helfen.  «Ja» sagte der Mann. 

Eines Tages war es so weit, der Mann durfte endlich nach Hause. Die Wundzwergin besuchte ihn und säuberte und räuberte…schnippelte und trippelte. Sie musste die wunden Punkte umrunden und sich wundern. Immer in kleinen Zwergenschritten – Zwerge können nun mal nicht grosse Schritte machen. Wie sollte das auch gehen? 

Es wurde ein langer und ein steiler Weg. Der Mann kämpfte und stritt gegen und mit seinen Zwergen, er versuchte und verfluchte. Die Wundzwergin musste Brücken bauen und viele Male hinter die Berge reisen. Und manchen Kampf ausfechten. 

Es hat kein gutes Ende genommen, die Geschichte ist ja schliesslich kein Märchen. Trotzdem war es ein schöner Weg, eine schöne Zeit mit dem Mann und seiner Frau. Mit ihren wunden Punkten und den Zwergen. 

Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute – aber höchstens mit einem Fuss. 

Ps. Schneewittchen fand keinen Prinzen, es musste zu viel arbeiten oder es küsste den falschen Frosch. Oder es erkannte die wahren Prinzen nicht. Dies ist hier nicht überliefert.
Folge 25

Es war ein Zu Null Spiel. ChatGPT hatte nicht den Hauch einer Chance. Im Gegenteil, die einen oder anderen Leser:innen zweifelten bereits meinen Gesundheitszustand an, beziehungsweise natürlich den von ChatGPT. Allen erhaltenen Zuschriften war gemeinsam, dass der Inhalt zwar korrekt sei, aber die Emotionen, das Persönliche, das Zwischenmenschliche und das Überraschende fehlen würden. Eine Leserin vermisste gar den Chirurgen. (Das hingegen war für mich das Überraschendste). Es hat mir an Herz und Seele wohlgetan, ich habe gebadet in der Anerkennung und bedanke mich bei allen Leser:innen, die sich Zeit genommen haben, mir ihre Meinung zu schreiben.

Und bei allen, die ChatGPT besser fanden und mir dies nicht geschrieben haben. So starte ich mit neuem Elan und Motivation ins dritte Jahr meiner Kolumne. Gut, ich gebe zu, es waren nicht Tausende, die mir schrieben, auch nicht Hunderte. Die wissenschaftlich Versierten könnten mir nun eine ungenügende Datenmenge vorwerfen und monieren, dass «n» zu klein sei, um damit mein Weiterschreiben zu begründen. Aber seit der letzten Präsidentenwahl in Amerika bin ich nicht mehr überzeugt, dass grosse Massen unbedingt recht haben, und Irrtum rein durch die Anzahl verringert oder ausgeschlossen werden kann. 

Das Thema künstliche Intelligenz lässt mich nicht ganz los und ich muss zwanghaft überprüfen, ob meine Leser:innen mir schmeicheln wollten oder ob KI wirklich so unpersönlich ist 

Darum frage ich gleich bei ChatGPT selbst nach:
«Hallo ChatGPT, erkläre mir deine Schwächen und Stärken»
Die Antwort folgt digitalwendend, das schätze ich an meiner neuen KI-Freundschaft. 

Hallo! Gerne erkläre ich dir meine Stärken und Schwächen.


Stärken:

1. Wissen: Ich habe Zugriff auf eine große Menge an Informationen und kann dir bei vielen Themen helfen, von Wissenschaft über Geschichte bis hin zu Alltagsfragen.


2. Verfügbarkeit: Ich bin rund um die Uhr verfügbar und kann dir jederzeit antworten.

3. Sprachverständnis: Ich kann in verschiedenen Sprachen kommunizieren und mich an unterschiedliche Gesprächsstile anpassen.

4. Lernfähigkeit: Ich kann aus Interaktionen lernen und mich verbessern, um dir besser zu helfen.


Schwächen:

1. Aktualität: Mein Wissen ist auf Informationen auf erhaltene Informationen begrenzt, daher kann ich aktuelle Ereignisse oder Entwicklungen nicht berücksichtigen.

2. Emotionale Intelligenz: Ich kann menschliche Emotionen nicht wirklich verstehen oder empfinden, was manchmal zu ungenauen oder unpassenden Antworten führen kann.

3. Kontextverständnis: In komplexen oder mehrdeutigen Situationen kann ich Schwierigkeiten haben, den richtigen Kontext zu erfassen.

4. Kreativität: Während ich kreativ sein kann, basiere ich meine Antworten auf bestehenden Daten und Mustern, was meine Fähigkeit einschränkt, wirklich originelle Ideen zu entwickeln. (ChatGPT)



Nun bin ich aber doch sehr beeindruckt. Erstens dass, obwohl ich explizit zuerst nach Schwächen gefragt habe – wie das in meinem Berufsalltag gang und gäbe ist – ChatGPT mit seinen Stärken beginnt. Davon könnten wir uns schon mal eine Scheibe abschneiden. Wir neigen doch dazu, an uns zu zweifeln, unsere Erfolge eher herunterzuspielen und kleinzureden, als unsere Stärken zu vertreten und zu betonen. Jedes Kind lernt bereits in der Schule, dass gute Noten nur bedingt sozialverträglich sind. Herausragende Leistungen werden vor allem im Sport gefeiert und hervorgehoben, oder bei Politiker:innen am äusseren Rand. Dort meist nur von ihnen selbst. 
Zweitens die Ausgewogenheit, vier Stärken versus vier Schwächen. Und drittens, die Selbstreflektion. Sauber aufgelistet, was gut ist und was weniger. Ohne Wertung, ohne beleidigt zu sein – einfach so in drei Sekunden dargelegt. Wenn wir das auch könnten, unser Tun wertfrei analysieren und daraus lernen, das Konfliktpotenzial würde vernachlässigbar klein. 

Ich bin beeindruckt und fühle gleichzeitig einen sehr wunden Punkt in mir aufsteigen. Wie war das neulich, als ich die Auswertungen zu einem meiner Unterrichtstage erhielt? In Vorfreude und Selbstsicherheit öffnete ich das Dokument, sah von zwölf Rückmeldungen elf bei hervorragend und sehr gut und eine bei ungenügend. Erst war ich verwundert, getroffen und dann sofort empört. Die Teilnehmerin begründete ihre Aussage und präzisierte ihr vernichtendes Urteil auch noch im Freitext. Was soll das, dachte ich und mir fielen unzählige Entgegnungen ein, warum die Beanstandungen meines Unterrichtes unhaltbar und völlig aus der Luft gegriffen waren. Den Rest des Tages trug ich nur noch diese eine Rückmeldung mit mir herum. Die elf anderen zählten nichts. Noch nie hatte ich einen so schlechten Kommentar erhalten. Ungeheuerlich, frech, feige, gelogen, dumm, hinterlistig… 

Warum ich so getroffen war, wurde mir klar, als ich mir endlich eingestand, dass an der Rückmeldung der Teilnehmerin eben doch etwas Wahres dran war, und ich meinte sogar zu wissen, wer diesen Kommentar geschrieben hatte. Und ja – wenn sie es denn war - sie ging mir während dem Unterricht auf den Keks, sie triggerte mich irgendwie, sie nervte mich – und ich war offensichtlich völlig unprofessionell. Obwohl ich sehr sicher war, dass ich mir nichts anmerken liess. Ertappt und ins Wunde getroffen. 

Meine Leser:innen und ChatGPT haben schon recht, wenn sie der Meinung sind, dass ohne Emotionen etwas fehlt. 

Es geht eben nichts über das Menschliche – ausser dem Zwischenmenschlichen. 

e.kohler@safw.ch 

Das Buch

Das Buch
Das Buch mit den ersten 20 Kolumnen kann ab dem 2. März 2026 in jeder Buchhandlung bezogen werden. 
» zum Verlag

Die Autorin

Die Autorin
Elisabeth Kohler – von Siebenthal ist seit 41 Jahren Pflegefachfrau. Seit 21 Jahren arbeitet sie in der Spitex Interlaken und Umgebung, davon seit zwölf Jahren ausschliesslich als Wundexpertin. Sie berät Arztpraxen und Heime bei Wundproblemen.
An der Fachhochschule absolvierte sie den Master in Wound Care. Nebenbei arbeitet sie freiberuflich als Fachdozentin an verschiedenen Institutionen und ist Vizepräsidentin der SAfW.  In der Eidgenössischen Kommission für Analysen, Mittel und Gegenstände (EAMGK) vertritt sie die Pflege.
Sie lebt im Berner Oberland und versorgt dort Menschen mit Wunden, auch in den abgelegensten Bergtälern. Sie hat sich mit Kopf und Herz dem Thema Wundversorgung verschrieben und liebt die Menschen und ihre Geschichten. Mit ihrem Humor kann sie von ihrem Alltag berichten, manchmal auch mit einer Prise Ironie.

e.kohler@safw.ch

SAfW • Bahnhofstrasse 55 • 5001 • Aarau • Telefon: 0840 555 666
MO – FR: 08:00 bis 12:00 Uhr und 13:30 bis 17:30 Uhr

Letzte Aktualierung 02 04 2026  Webmaster: Patrick Bindschedler
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.