Die Kolumne der SAfW D-CH

«Wie geht`s?», fragte ich noch einmal. «Mmmh, es geht». «Soll ich den Blutdruck messen?». Schweigend krempelte er den Ärmel hoch und liess mich gewähren. Ich wertete das als kleinen Durchbruch. Den Puls tastete ich ungefragt und notierte die Resultate auf meinem Karton. «Gut», murmelte ich mehr für mich und meinte eigentlich nicht seine Werte. «Sage ich ja, mir fehlt nichts», maulte der Bauer. «Ich glaube schon, dass Ihnen etwas fehlt, mindestens der Hausarzt weiss eine Menge darüber, was Ihnen fehlt, er hat es Ihnen ja erklärt». «Ich habe nichts verstanden, das ist mir zu hoch, wie der spricht». «Wollen Sie nicht verstehen oder verstehen Sie es nicht?», wagte ich zu fragen. «Es ändert ja doch nichts, ich sterbe sowieso. Alle sterben». «Ja», pflichtete ich bei, «die Frage ist nur wie?». «Wie sterbe ich denn?», fragte der Bauer. Jetzt wurde es schwierig für mich. Ich überlegte, was eine adäquate Antwort wäre. Weiss ich denn, wie er sterben wird? Kann ich das abschätzen? Kann das vorhergesagt werden? Darf so etwas vorausgesagt werden? Hilft die Statistik im Einzelfall? «Jetzt müssen Sie aber lange studieren», freute sich der Bauer schon fast ein bisschen. «Ja, zugegeben ich weiss nicht, wie Sie sterben werden. Wenn Sie nichts machen, brechen Sie vielleicht irgendwann zusammen, möglicherweise im Stall, weil Sie sich zu sehr anstrengen. Dann liegen Sie eines Tages unter einer Kuh. Wenn Sie einen Klappenersatz machen lassen, leben sie vielleicht länger und besser und sterben in höherem Alter im Bett. Was dann besser ist, weiss ich nicht. Oder Sie sterben gleich an einer Komplikation der Operation im Spital», hängte ich ehrlicherweise, leise an. «Dann am liebsten unter der Kuh», sagte der Bauer umgehend und sehr entschlossen. «Diese Vorstellung erschreckt mich nicht, das ist für mich passend». Leben und leben lassen, dachte ich, es ist seine Entscheidung. «Dann sind wir uns ja einig übers Wie, aber noch nicht übers Wann. Seien Sie einfach so gut und sterben Sie nicht, wenn ich zu Ihnen komme. Ich möchte Sie nicht im Stall finden. Ich bin gut im Leben zu helfen, im Sterben bin ich die grösste Versagerin», gab ich zu Bedenken.
Ich beschloss, nur noch über das Leben zu sprechen. «Wie möchten Sie denn bis zu ihrem Tod leben? Wenn Sie nichts tun, werden Sie immer kurzatmiger, Sie mögen nicht mehr arbeiten, es wird Ihnen schwindlig, Ihr Herz fällt aus dem Takt», erläuterte ich. «Was habe ich denn eigentlich?», fragte der Bauer endlich. «Sie haben einen Herzklappenfehler, das Blut kann nicht mehr gut aus dem linken Herzen fliessen, weil es dort zu eng ist». Mehr wusste ich auf die Schnelle auch nicht, Google war damals noch nicht bei mir.
Der Bauer blieb nachdenklich, bis er aufstand und sagte: «Ich muss jetzt in den Stall, adieu». «Adieu», sagte ich, «bis nächste Woche, gleiche Zeit». Diesmal war es keine Frage mehr, sondern eine Feststellung.
So trafen wir uns regelmässig, unsere Treffen passten sich zu Beginn meinem Dienstplan an, mehr und mehr durfte ich übernehmen, ich besorgte Medikamente, befüllte das Dosett, informierte den Arzt, versorgte Blessuren. Vor allem aber sassen wir immer auf der Bank, nie bat er mich hinein. Er lebte allein und empfand meine Anwesenheit in seiner Wohnung wohl als störend. Es wurde kälter, immer noch trafen wir uns draussen, immer dicker angezogen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends, er schrumpfte. Er nahm es hin, mit ruhiger Konsequenz, er beklagte sich nie. Er haderte nicht mit seinem Gesundheitszustand. Es blieb bei seinem Entscheid.
Als es an einem vereinbarten Besuchstag heftig schneite, bat er mich dann doch noch in seine Wohnung. Er hatte nur einen Stuhl, der für mich bereitgestellt war, er selbst sass auf einer Dreitrittleiter auf dem obersten Tritt. Ich wollte ihm den Stuhl überlassen und auf der Leiter Platz nehmen, er liess nicht mit sich verhandeln. Er blieb bis zum Schluss auf der Leiter. Ich sagte nichts, bedankte mich fürs Asyl, von da an, durfte ich immer eintreten. Mit der Zeit empfing er auch meine Kolleginnen, er gewöhnte sich an uns und wir gewöhnten uns an ihn.
Es kam, wie es kommen musste und sollte. Eines Tages wurde er liegend im Stall gefunden, er starb, so wie er es sich vorgestellt hatte. Ich habe ihn nicht gefunden, Nachbarn oder Angehörige haben uns über seinen Tod informiert. Der Arzt sagte, er hätte sich eben operieren lassen sollen. Ich bin mir da nicht so sicher.
An einem schönen Sommertag fuhr ein kleines Lastwägeli bei mir zu Hause vor. Geladen war die grüne, lange Bank. Gebracht von seinen Hinterbliebenen. Seither steht sie vor meinem Haus, sie begrüsst mich beim nach Hause kommen, ich dekoriere sie je nach Jahreszeit und halte mir immer ein Plätzchen zum Sitzen frei. Zunehmend nutze ich sie, um meine Schuhe sitzend anzuziehen. Und jedes Mal denke ich an den Bauern und wünschte, er würde noch einmal neben mir sitzen. Ich beneide und bewundere ihn, dass er so genau wusste, wie er sterben wollte und dies auch konnte.
Die Bank sollte längst gestrichen werden, die Farbe blättert ab. Aber ich habe Angst, dass es dann nicht mehr die gleiche Farbe ist, auch wenn mir schon verschiedene Maler versichert haben, dass sie das Hinkriegen würden. Ich befürchte, dass es dann nicht mehr die Bank des Bauers ist, darum lasse ich sie so bleiben wie sie ist. Die Bank teilt mit mir die Erinnerung an den Bauern, ich sitze sie aus. Und wenn ich auf der Bank sitzend, an meinen eigenen Tod denke, weiss ich immer noch nicht, wie ich sterben möchte, auch nicht, wann ich sterben möchte und auch nicht, an was und wie ich sterben möchte. Ich weiss nicht einmal, wo meine kläglichen Überreste dereinst sein sollen. Ich habe kein Vorsorgeauftrag, keine Patientenverfügung und kein Organspendeausweis, obwohl ich alles dringlich finde und meinem Klientel immer empfehle. Ich glaube, mein wunder Punkt ist, das Thema Tod auf die lange Bank zu schieben. Wo ich doch weiss, dass gerade das nicht auf die lange Bank geschoben werden soll. Während dem Schreiben, habe ich plötzlich eine Idee. Ich möchte gerne sitzend auf dieser Bank sterben. Ich glaube, das wäre schön, weil es erstens unerwartet geschehen würde – man setzt sich in der Regel nicht vors Haus auf die Bank, um zu sterben – und zweitens, weil es an einem mir wohligen Platz geschehen würde. Drittens wäre ich nicht so krank, denn ich könnte ja noch vor dem Haus auf der Bank sitzen und wäre nicht ans Bett gefesselt. Der Kopf würde mir beim Sterben auf die Brust sinken und das würde meinen Mund verschliessen. Ich möchte nicht mit offenem Mund sterben. Es würde aussehen, als ob ich schlafen würde. Wie im Film, die sterben immer so wunderschön, mit Eleganz und Haltung. Ich würde gerne so meinen Frieden finden, zur Ruhe kommen auf der Ruhebank.
Bei Gelegenheit muss ich unbedingt den Chirurgen fragen, ob ich sitzend sterben könnte, ohne dabei von der Bank zu fallen, oder zur Seite zu kippen. Das möchte ich nämlich lieber nicht. Lieber mein Leben in aller Ruhe aus-sitzen. Auf-recht! Auf die lange Bank geschoben.
Darum habe ich gerade keine sommerlich, heitere, aktuelle Bauerngeschichte zur Hand, und greife hier auf eine Geschichte aus vergangener Zeit zurück. Eine Zeit, in der wir noch keine oder mindestens weniger Begrenzungen hatten. Wir dachten gerade nicht darüber nach - oder gerade nicht mehr, wie viele Menschen die Schweiz erträgt und was sie als Mitgift mitbringen müssen, um willkommen zu sein. Oder wie gut sie Fussball spielen können sollten.
Es war eine Zeit, in der jede Gemeinde seine eigene, kleine, in vereinsform geführte Spitexorganisation hatte. Ehrenamtliche Vorstandsmitglieder kümmerten sich um den Betrieb, administrativ kam uns die Gemeindeverwaltung zu Hilfe. Wir hatten ein Festnetztelefon und einen Beantworter, den wir regelmässig abhörten. Ein riesengrosses Mobiltelefon in der Tasche, dessen Nummer geheim war. Und wir schrieben die Krankengeschichten von Hand in kartonierte Umschläge. Wir konnten uns noch kurzfassen, unsere Einträge erlaubten viel Interpretationsspielraum. Das störte niemanden und wir hatten keine Angst, juristisch belangt zu werden. Der Einsatzplan war mit Bleistift in einer Agenda eingetragen und änderte sich fortlaufend, was die Spuren des Radiergummis und das dünn gewordene Papier verdeutlichten. Unser Team bestand aus vier Pflegefachfrauen und drei Haushalthilfen. Alles Frauen natürlich. Alle Teilzeit arbeitend. Schon damals, auch ohne Generation Z. Zu jener Zeit rief der Hausarzt oder die Hausärztin aufs Festnetz der Spitex an, wenn pflegerischer Bedarf bestand. Es brauchte keine Opan Anmeldung, keine Schriftlichkeit, keine konkreten Verordnungen. Wir trauten uns zu und es wurde uns zugetraut, zu erkennen welcher Bedarf und welche Bedürfnisse unserer Klientel hatte. Ein «Gehen Sie mal vorbei und schauen Sie nach diesem Menschen» genügte.
So erhielt ich damals einen Auftrag, einmal beim Bauern vorbeizuschauen. Er hatte eine schwere Aortenklappenstenose und brauchte einen Klappenersatz. Er wollte aber keine ärztliche Hilfe annehmen und auch keine Operation. Er sei unmöglich, verweigere alles, dabei gehe es ihm schlecht. So beschrieb mir der Hausarzt die Situation. Ich sollte mal vorbeischauen, und wenigstens seine Medikamenteneinnahme überwachen, er faxe mir schon mal die Mediliste. «Weiss der Bauer was er hat?», fragte ich. Der Arzt bestätigte mir, dass er den Bauern explizit über seine Krankheit informiert und auf die daraus resultierende Lebensgefahr hingewiesen hatte. Vielleicht könnte ich ihn ja zur Vernunft bringen. Im Verständnis des Arztes, wäre in dem Fall vernünftig, sich operieren zu lassen, der Bauer sei ja noch nicht so alt. Auf meinen Einwand, dass Vernunft nicht unbedingt meine Stärke sei, trat der Arzt nicht ein. Also versuchte ich telefonisch einen Termin abzumachen, auf dass es klappe mit den Klappen. Ich läutete ins Leere.
Ich beschloss, spontan vorbeizuschauen und plante mir eine Stunde Zeit ein – ja das konnte man damals noch ohne Probleme. Ich klopfte an die zweiteilige Holztüre. Einmal, zweimal, dreimal. Keine Antwort. Ich nahm ein Holzstück und polterte kräftig gegen die Türe. Und siehe da, der obere Teil ging auf. Mürrisches Gesicht, faltig, vom Wetter gegerbt, misstrauisch und ablehnend. Ungesunde Hautfarbe. Sauerstoffmangel. Ausgezehrt.
«Guten Tag, ich bin Elisabeth Kohler von der Spitex», stellte ich mich vor. «Und?», fragte der Mann. «Ihr Hausarzt hat mich informiert, dass Sie möglicherweise Hilfe brauchen. Wir sollen Ihre Medikamente richten, die Einnahme überwachen und Blutdruck und Puls kontrollieren», erwiderte ich. Das mit der Vernunft hob ich mir wohlweislich noch etwas auf. «Ich brauche keine Hilfe», sprachs und knallte die Türe zu. Sofort polterte ich nochmals mit meinem Holz gegen die Türe, mehrmals, es regte sich nichts mehr. Da ist wohl nichts zu machen, dachte ich und überlegte, was ich nun mit der restlichen Zeit anfangen sollte. Da fiel mir eine wunderbare Holzbank ins Auge, in einer Farbe zwischen brienzerseegrün und blau, geschwungene Seitenbretter. Wunderschön, so etwas gibt es heute gar nicht mehr, dachte und denke ich noch. Ich schob mich also auf die lange Bank, und machte einen Eintrag in die noch leere Krankengeschichte, dass sie mit aller Voraussicht leer bleiben würde. Patient - damals durfte man noch Patient sein, und musste keine geschäftliche Beziehung als Klient mit der Spitex AG eingehen – will keine Spitexleistungen, notierte ich. Ich fühlte mich wohl auf der Bank, und trug auf meinem Tagesrapport «Pause» ein. Es war ein guter Ort, um zu verweilen. Plötzlich ging die Türe auf, der Bauer kam nach draussen in der Annahme, ich sei längstens abgereist. Er erschrak, als er mich auf der Bank entdeckte. «Was machen Sie da?», blaffte er. «Sitzen», blaffte ich zurück. Ich sah die Wut in seinem Gesicht ankommen. Die Blässe seines Gesichts wechselte Richtung blau, die Wut kroch buchstäblich an ihm hoch. «Sie verlassen jetzt sofort meinen Hof, ich will Sie hier nicht mehr sehen», stiess er hervor und geriet in seinem Ärger in eine Schnappatmung. «Nun beruhigen Sie sich doch», versuchte ich - die Klappenstenosen vor Augen - die Situation zu entschärfen. Er fing an zu zittern und stampfen wie das Rumpelstilzli, mir ward angst und bange. «Schon gut, ich gehe ja schon», sagte ich und stand auf, um Richtung Auto zu gehen. Sein Gesicht verfärbte sich nun wieder in blass, er begann zu schwanken und griff sich ans Herz. Jetzt schrillten bei mir sämtliche Alarmglocken, wahrscheinlich vollzog auch ich einen Farbwechsel, von Rot in Weiss. Ich bekam Angst, ihn mit meinem Besuch am Ende noch umzubringen. Definitiv ein wunder Punkt von mir. Er begann, wie eine Pappel im Wind zu wanken, ich machte einen Satz nach vorne und konnte sein Fallen gerade noch Richtung Bank umlenken. Krachend sank er darauf nieder. Ich fühlte den Puls, der war schwach und aus dem Takt. Ich behielt sein Handgelenk in meiner Hand, ihn in den Augen. Er pfiff und keuchte aus dem letzten Loch, er schwitzte und schloss die Augen. So sassen wir einen Moment nebeneinander auf der Bank, bis ich eine leichte Besserung und Erholung feststellte. Ich kramte das Blutdruckmessgerät aus dem Rucksack und legte ihm die Manschette an. Noch hatte er keinen Atem, um sich zu wehren. Der Blutdruck war tief, der Puls beruhigte sich allmählich. Meiner auch. Wir atmeten ein und aus, beide erleichtert, aber aus unterschiedlichen Gründen.
«Besser?» fragte ich vorsichtig. «Ja». Stille. «Sie haben mir einen Schrecken eingejagt», nahm ich den Faden wieder auf, «die Menschen sterben eher, wenn wir nicht zu ihnen kommen und nicht, wenn wir sie besuchen». Blitzte da eine kleine Belustigung in seinen Augen auf? «Ich habe Sie nicht gerufen», sagte der Bauer trotzig, «und Sie können wieder gehen». «Ich habe mich auch nicht gerufen», trötzelte ich zurück. «Der Hausarzt ist schuld», warf ich ein, in der Hoffnung ein gemeinsamer Feind würde uns einen. Stille. «Sie haben eine wunderschöne Bank», lenkte ich unser Gespräch auf neutrales Terrain. Er schaute zuerst die Bank an, als hätte er sie soeben zum ersten Mal gesehen, und dann mich, mit dem grösstmöglichen Unverständnis. «Hä? Was soll daran schön sein?». «Die Farbe, die Formen, die Grösse, die Lehne, einfach alles», gab ich zur Antwort. Er schüttelte verständnislos den Kopf. «Ich muss jetzt in den Stall, adie», warf er mir hin, und stand auf. «Was haben Sie denn im Stall?», knüpfte ich an, weil ich den Faden nicht reissen lassen wollte. «Was wohl?», fragte er zurück, die Farbe seiner Haut driftete schon wieder ins Bläuliche ab. «Also in einem Stall kann man Schafe, Ziegen, Schweine, Pferde, Hühner, Kaninchen …». «Sie wissen genau, was ich im Stall habe, Kühe natürlich». Er musterte mich und probierte zu eruieren, ob ich dumm oder dümmer war. «Wie viele denn?» fragte ich, zugegeben etwas scheinheilig. Er setzte sich zurück auf die Bank, ich hatte ihn an der Angel. Er umriss mir kurz seine bäuerliche Situation. Dann stand er wieder auf. «Machen Sie alles allein?», fragte ich, «mir kommt es vor, als wäre es ein bisschen viel für Sie». «Es hilft mir ja keiner», schnauzte er und stand wieder auf. «Dann helfen Sie sich doch selbst», warf ich ein. Fragender Blick zurück. «Indem Sie besser auf ihre Gesundheit achten», lockte ich ihn. Er setzte sich zum dritten Mal. «Ihr wollt alle nur an mir verdienen, Ihr mit euren Therapien wollt ein Saugeld machen und verdienen. Es ist euch alles egal, es geht nur um den Verdienst. «Um meinen wohl nicht», entgegnete ich, «ich verdiene immer gleich wenig, ob ich Sie nun besuche oder nicht». «So, ich muss jetzt in den Stall, adie», sagte er zum Zweiten.
«Adie, sagte ich, «sehen wir uns nächste Woche zur gleichen Zeit?». «Nein», sagte der Bauer.
Hier muss ich leider unterbrechen, ich mache Hydration Pause und Hitzefrei.
Lesen Sie im August weiter.
Wir treffen Freunde aus alten, längst vergangenen Zeiten und sitzen über den Dächern Zürichs bei feinem Essen. Beim üppigen Trinken stossen wir an - auf die Vergangenheit. Leider vor allem auf die Vergangenheit. Die Zukunft will während des Abends nicht so recht aufkommen. Sie reicht nicht über die nächsten geplanten Ferien hinaus. Vielleicht weil das stetige Altern unsere Zukunft ist? Oder wir mangels Zukunft die Vergangenheit bemühen müssen?
Am Tisch sitzen ein Angiologe, ein Psychiater, ein Chirurg und dreimal Beigemüse in Form der dazugehörigen Ehepartnerinnen. Die sind eher weniger das Gespräch. Die Herren frischen Erinnerungen aus gemeinsamen Zeiten auf, die Arbeitsbedingungen von damals werden heraufbeschworen, es ist wie es immer ist, wenn sich zwei oder – noch schlimmer - mehr Ärzt:innen treffen.
Ich geniesse das Essen, das Sein und die grandiose Aussicht. Ich erinnere mich an die Zeit, in der der Angiologe und ich am Universitätsspital gearbeitet haben. Jung, unbeschwert, lustig, bei gar nicht etwa zu viel Arbeit. Das gilt aber nur für mich, nicht für die anwesenden Ärzte, sie haben viel zu beklagen. In unzähligen Trainings habe ich gelernt, diese Gespräche dahinplätschern zu lassen, mich abzukapseln und nur am Rand aufzunehmen. Sie ähneln sich seit Jahren, ich kenne die Sätze, die Beispiele und die Ausschmückungen von vielen, vergleichbaren Abenden. Zu Beginn meiner Beziehung mit dem Chirurgen war es noch spannend in die Ärztewelt einzutauchen. Ich war ich ein wenig ehrfürchtig und sehr neugierig. Das legte sich schnell, weil die unhaltbaren Arbeitsbedingungen immer das eine und einzige Thema blieben. Nicht, dass ich diese bestreiten würde. Auf Grund deren Auswirkungen, waren wir Ehepartnerinnen herzlich eingeladen, uns ganz in die Familienarbeit zu geben, fanden wir doch in den Ehegatten keine verlässlichen Kinderbetreuer. Ich meine, zeitlich verlässlich, wohlverstanden. Dass sie jeweils nach stundenlangem Beklagen ihrer 200-prozentigen Arbeitszeiten, in einem Nebensatz anfügten, sie würden doch noch viel mit den Kindern unternehmen, konnte ich rein mathematisch nicht begreifen. Aber Mathe war nie meine Stärke. Wenn sie angaben, dass ihr Arbeitspensum 200 Prozent betrug, war ich folge dessen zu 200 Prozent mit den Kindern allein, an das hingegen erinnere ich mich gut. Ich ertrug meine damalige Rolle als Statistin am Tisch immer schlechter – mein Geltungsbedürfnis ist dafür zu gross - und langweilte mich jeweils ausgiebig. Die Ärzteeinladungen wurden mir zu einem Gräuel. Zur Autounterhaltung begann ich Frechheiten in die Runden zu werfen, sodass der Chirurg bald bedauert wurde, eine böse, scharfzüngige Frau zu haben. Aber es nützte nichts und brachte mich auch nicht weiter, das dominierende Thema blieb. Nach Jahren lehnte ich dann solche Treffen ab. Ich schlug vor, dass sich die bedauernswerten Geschöpfe allein trafen, um sich im gemeinsamen, schweren Los ungestört ausleben zu können. Der Chirurg akzeptierte das, konnte teilweise nachempfinden was mich störte, aber nicht ändern. Es gelang auch ihm nicht, die Gespräche in andere Richtungen zu lenken. Seine eigene Betroffenheit holte ihn immer wieder ein. Warum es damals üblich war, die Partner:innen immer dabei zu haben, denn von Interesse waren sie definitiv nicht, ist mir bis heute ein Rätsel. Warum ich das so lange ertrug, ebenfalls.
Ich war am besagten Abend in Zürich zuversichtlich, dass sich die Themen geändert haben könnten. In die Jahre gekommen, pensioniert, teilpensioniert oder nur noch freiwillig und selbstbestimmend berufstätig, stellte ich mir eine gewisse Entspannung und eine zufriedene Lebenssättigung vor. Alles erreicht, Haus, Ferienwohnung, Wohnmobil, wohlerzogene Kinder unter Dach und Fach. Aber nein. Vergangenes war immer noch omnipräsent, es wurde nicht nur erneut beklagt und wiederbelebt, es wurde – und das war jetzt neu - auch die Zukunft beklagt. Diese Jungen heute, kein Vergleich zur alten Garde, die noch wusste, was arbeiten heisst, die überlange Schichten pflichtbewusst absolvierte, unzählige Dienste leistete, kurze Ruhezeiten hatte und hohe Verantwortlichkeiten ertrug. Jetzt hingegen, wachse da tatsächlich eine Generation heran, die nach acht Stunden ihren Feierabend reklamiert. Die nur noch Teilzeit arbeitet, die familienkompatible Arbeitszeiten fordert, die nicht möglichst viel Geld verdienen will, sondern Arbeit und Freitzeit in Einklang zu bringen versucht. Ausgerechnet der Psychiater monierte, dass die Jungen jetzt durchdrehen, sie seien nicht mehr belastbar und lebenstüchtig. Versifft und verkifft. Dafür trinken sie weniger, dachte ich so nebenbei und begann mich aufzuregen. Ich gab zu bedenken, dass die Jungen vielleicht zu Recht durchdrehten, oder was er – wagte ich den Psychiater zu fragen - denn als Grund des „Durchdrehens“ der Jugend sieht. Ich würde ihm einen gewissen Selektionsbias zugestehen, so grosszügig bin ich. Leider antwortete er, dass sich die Erwerbstätigkeit beider Elternteile schlecht auf die Kinder auswirke. Eltern sollten mehr zu Hause sein, unschwer zu ahnen, dass mit Eltern vor allem die Frauen gemeint sind. Er blendete gerade aus, dass er auf Grund seiner vorher ausgeführten Arbeitszeiten auch nicht viel bei seinen Kindern gewesen sein konnte. Und dann, kam der Satz aller Sätze: «Früher war es besser». Bei weitem nicht gut, wie wir gerade hinlänglich dargelegt bekamen, aber immer noch besser. Das triggerte mich, das Beissholz, das mir der Chirurg unter dem Tisch in Form eines Tritts ans Schienbein übermittelte, ignorierte ich. Ich widersprach vehement und bekam glücklicherweise Hilfe vom Angiologen. Er weiss auch, dass wenn es unten fault, die Ursache weiter oben zu suchen ist. Ich verteidigte die Jugend, der Psychiater konnte nicht wissen, dass er einer meiner äusserst wunden Punkte getroffen hatte. Oder eigentlich deren zwei.
Ich ertrage es nicht, wenn ganze Generationen verurteilt und verunglimpft werden, wenn wir «Alten» uns aufbauschen und als besser bezeichnen, und eine ganze Generation – die wir notabene erzogen und begleitet haben – aburteilen. Ich würde erwarten, dass Menschen, die während Jahren unter einer unzumutbaren Arbeitslast gelitten haben, sich für die nächste Generation einsetzen, und grosses Verständnis für deren Aufbegehren haben sollten und sie unterstützen müssten. Mehr noch, sie sollten erfreut sein, über die Veränderung der nächsten Generation. Wer die Jugend beschimpft, ist alt geworden. Und die Berufstätigkeiten der Eltern als Ursache von allem Negativen anzuführen, traf meinen zweiten wunden Punkt.
Ein Bonmot meines Vaters kam mir in den Sinn: «Der Mensch hat noch nie etwas aus der Geschichte gelernt, auch aus seiner eigenen nicht. Vor allem nicht aus seiner eigenen» pflegte er zu sagen und meinte damit meistens mich.
Ich bin im Druck – zeitlich, beruflich, arbeitstechnisch, als Ehefrau, Mutter, Grossmutter und Freundin. Ich werde meinen eigenen Ansprüchen nicht mehrgerecht, ich verschiebe Treffen, meide Einladungen und Geselligkeit. Ich hinke allem hinterher, immer einen Schritt zu spät. Ich lege Nachtschichten und Wochenendarbeiten ein, entsage den Freuden des Lebens – ich komme trotzdem nicht nach. Wo kann ich Zeit einsparen, überlege ich. Ich war schon vor dem Erscheinen des Buches schön beschäftigt, war aber nicht gefasst auf die Terminflut, die zurzeit über mich rollt. Und dass, wenn man ein Buch schreibt, es anschliessend auch noch der halben Nation vorgelesen werden soll, darauf war ich nicht vorbereitet. Obwohl, es macht mir unglaublich Spass Lesungen zu halten, ich geniesse das Publikum, ich bade in dessen Wohlwollen. Ich freue mich, wenn die Menschen lachen und geniessen. Und ich bin unglaublich dankbar und berührt, dass mein Büchlein so viele Menschen anspricht und unterhält. Die Arbeit bei der Spitex gefällt mir auch ausserordentlich gut, da gibt es nichts zu reduzieren. Das Engagement bei der SAfW ist inspirierend und lehrreich – wie habe ich doch unlängst profitiert, als ich einen Workshop mit der Präsidentin vorbereiten durfte. Unterrichten ist eine gute Abwechslung, eben habe ich meine Klasse, mit den Diplomen in den Händen, verabschiedet. Ihre strahlenden Augen freuen mich sehr. Darauf kann ich unmöglich verzichten. Die ausserparlamentarischen Sitzungen sind dermassen spannend, da muss ich dabei sein. Einen Vortrag in Bremen am Deutschen Wundkongress zuhalten, ist speziell und schön, da lässt sich auch keine Zeit einsparen. Einen Drehtag mit dem 10 vor 10-Journalisten kann ich mir nicht entgehen lassen. Das zweitägige Interview mit der NZZ – ein Leckerbissen. Ein Interview mit dem Anzeiger von Saanen, das bin ich meinem Vater schuldig, den Tanzkurs dem Chirurgen. Die bittere Bilanz: alles selbstverschuldet, von und mit mir. Niemand ist schuld, ausser ich. Und dann ist da noch meine monatliche Kolumne – aufhören? Auf keinen Fall, jetzt wo es gerade so gut läuft. Beziehungsweise, leider gerade nicht läuft. Ich sitze zum letzten aller möglichen Zeitpunkte am Schreibtisch und weiss: ich muss jetzt eine Kolumne schreiben. Eine Flut von Ideen und Gedanken rauschen durch meinen Kopf, aber ich bekomme keinen zu fassen. Ich lasse mich ablenken, schiebe es vor mich her, der Druck nimmt zu, die leere Seite schaut mir vorwurfsvoll in die Augen, die Tastatur verlangt nach feinem Fingerspitzengefühl. Ich schliesse die Augen, konzentriere mich: nichts. Als ich sie wieder öffne, hat sich rein gar nichts verändert. Wie auch, für Veränderungen war ich noch immer selbst zuständig. So geht es nicht, sage ich zu mir, ich muss etwas gegen meine Hirnleere unternehmen. Ich beschliesse ein Reset.
Ich stelle meine Uhr ab, und ziehe sie zur Sicherheit auch noch aus. Ich fahre den Computer herunter und schalte das Smartphone aus. Das Festnetztelefon kann ich auf die Schnelle nicht ausschalten, also vergrabe ich es im Wohnzimmer unter einem Kissenberg, so dass es perfekt schallisoliert ist. Bei der Türklingel entferne ich die Batterien. So, jetzt bin ich offline, unerreichbar, unsichtbar und unhörbar. Unerhört schön und gut ist das.
Stillbeschäftigung nannte man das früher in der Schule. Und wir konnten das noch. Zwanzigmalstillbeschäftigt mit uns. Gibt es nicht mehr seit der Erfindung des Smartphones. Ich freue mich, nun werden die Gedanken und Ideen nur so auf mich einprasseln. Ich sitze am Schreibtisch, bin bereit und rede mir ein, mir selbstvollkommen zu genügen. Da fliegt eine Elster vorbei und hockt sich aufs Nachbardach. Ich lasse die Jalousien runter. Herrlich, ich bin eins mit dem Raum. Ich schliesse die Augen, denke mir die Gedanken näher, konzentriere mich: und wieder nichts. Nach dem Input kein Output. Ich versuche es noch einmal. Durch nichts mehr abgelenkt, lenke ich meine Gedanken in Richtung Kolumne, ich öffne die inneren Gedankenschleusen, alles fliesst durch, nichts bleibt hängen. Nur ich hänge, ich habe mich gedanklich aufgehängt. Ich möchte herunterfahren und Neustart drücken, das hilft beim Computer jeweils auch, wenn er sich aufhängt. Nur finde ich bei mir die entsprechende Tastenkombination nicht. Die Ideen wollen heute einfach nicht fliessen, mindestens nicht in mein Gehirn. Ich verharre an meinem Platz, erstarre und beharre: jetzt muss es geschehen. Ich versuche meinem Kopf einen Geistesblitz abzutrotzen. Alles, was mir in den Sinn kommt, ist, ob es wohl möglich ist, dass mir etwas zufliessen kann, wenn ich mich in der Bewegungslosigkeit befinde. Wenn ich mich in ein mentales Korsett zwänge? Sollte ich nicht beweglich bleiben, um im Fluss zu sein?
Ich beschliesse, im Haus auf und abzugehen, rauf und runter. Ich habe ein grosses Haus, das wird ergiebig, ermutige ich mich. Die Kurzzugbinde entwickelt ihren hohen Arbeitsdruck schliesslich auch erst bei der Bewegung, ich habe schon hohen Arbeitsdruck, ergo fehlt mir nur noch die Bewegung. Druck produziert bekanntlich Diamanten. An der Waschküche vorbeikommend, fällt mir ein, dass ich noch Wäsche aufzuhängen habe. Die Wäsche ist als einzige berechtigt, sich stundenlang aufzuhängen und zu hängen, ohne dass sie dabei gestört wird oder jemand reklamiert. Und während ich die Kleidungsstücke über die Leine werfe, denke ich, dass ich schon wieder irgendwie online bin. An der Leine. Und ich überlege, ob wohl schon ein einziges Mal, ein neuer, bahnbrechender, genialer, der weltverändernde Gedanke beim Wäscheaufhängen gedacht wurde. Von mir jedenfalls nicht, ich steige die Treppe wieder hoch. Ich könnte ja mal schauen, wieviel Zeit meiner inneren Klausur schonvergangen ist. Dafür muss ich eines meiner Geräte reaktivieren, was mir nur allzu recht ist.
Ich zücke das Smartphone und drücke lange auf die Seitentaste, da fällt mir die Backofenuhr ein. Nichts wie los in die Küche, ich wage nicht zu glauben, dass erst fünfzehn Minuten vergangen sind. Mir reichts. Einmal ist genug. Ich bin out – outgeputet. Ich schalte ein Gerät nach dem anderen wieder ein, willkommen zurück, sagen sie und freuen sich, mich zu sehen. Sie zwinkern mir zu, wie gute alte Freunde. Das leere Blatt im Word taucht wieder auf, mit der Frage, ob ich dort weiterfahren möchte, wo ich aufgehört habe, nämlich beim Nichts. Das gibt mir den Rest – ich ziehe meine Joggingsachen an und freue mich auf eine Runde Bewegung. Ich werde alles geben, alles aus mir herauspressen, den inneren Schweinehund – wenn er schon nicht zu Gedanken zu bewegen ist - niederringen, besiegen und erledigen. Ich werde es mir und allen anderen zeigen und mit einer grossartigen Idee zurückkommen. Das verspreche ich mir.
Uhr einstellen auf «Training Laufen», und los. Leichtfüssig trabe ich die Einfahrt runter, auf Höhe Briefkasten passiert es. Ein Gedankenblitz trifft mich aus heiter hellem Himmel. Warum schreibe ich eigentlich nicht auf, was ich soeben durchgemacht habe? Warum sollen die Leser:innen nicht merken, dass die wunden Punkte nicht alle aus dem Ärmel geschüttelt werden können? Und aus dem Kopf schon gar nicht. Man kann nichts rausschütteln, wo nichts drin ist. Ich gehe zurück in mein Büro. «Training angehalten», sagt meine Uhr, als ich wieder an meinem Schreibtisch sitze. Das mag sein, jetzt sind die Finger im Training. Sie tippen, was mir mein Gehirn diktiert, ein Hochleistungssport der anderen Art. Binnen null Komma nichts ist der Text fertig. Zufrieden lehne ich mich zurück. Geschafft! Senden ans SAfW Sekretariat. «Training beendet», sagt die Uhr, «zurückgelegte Distanz: 25 Meter. Zeitaufzustehen und eine Minute bewegen. Noch kannst du es schaffen».
Vor meinem anstehenden Einsatz atme ich tief aus – und noch tiefer ein. Ich muss mich aufs Kommende wappnen, und versuche eine Reserveportion Sauerstoff in meinen Lungen zu speichern und ziehe die Maske hoch. Bevor steht mir ein Einsatz, in einer Wohnung in einem Block aus den siebziger Jahren. Schon nur das Treppenhaus strahlt den Charme der vergangenen Zeiten aus. Ich mag diese Treppenhäuser sehr, dieser schwarz-weiss gesprenkelte Boden, das gummierte, schmale Geländer. Ich mag es, mit der Hand darüber zu streichen. Sogar der Geruch ist in diesen Treppenhäusern immer derselbe. Es katapultiert mich zurück in meine Kinderzeit, Erinnerungen an vergangene Tage werden wach. Dass mich in der Wohnung im Eingang ein grün-gelber Linoleumtraum erwartet, ist Programm. Dass die Wohnung proppenvoll und vollkommen verraucht ist, irgendwie auch. Die ehemals weissen Vorhänge haben den Braunton der Fensterrahmen angenommen, die Teppiche sind farblich nicht mehr einzuordnen. Souvenirs von vergangenen Reisen, in vergangene Länder zieren die Wohnwand und sind dank der dicken Staubschicht eins mit ihr geworden. Die Bewohnenden sehe ich buchstäblich nur durch eine dicke Rauchschwade, es sind mehr die Konturen von ihnen, die ich erahne. Ich quere rasch das Wohnzimmer, öffne die Balkontüre, es wird augenblicklich kalt. Das Ehepaar erträgt dies mit stoischer Ruhe, sie wissen, dass sie nichts dagegen sagen dürfen. Der schwarze Aschenbecher, der sich mit Druck auf den Stempel öffnen lassen würde, wenn er nicht bereits mit Zigarettenstummeln überfüllt wäre, und darum gar nicht geschlossen sein kann, passt prima in dieses Szenario. Auch beim Ehepaar selbst, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Sie trägt einen Wolljupe und einen Pullover, darüber eine Küchenschürze mit Bauchtasche. Daraus ragt ein stoffiger Nasenlumpen, der sich farblich prächtig in diese Wohnung einfügt. Die beiden Sofas verraten mir, wo ihre Besitzer seit dreissig Jahren zu sitzen pflegen. Der Mann passt ebenfalls hervorragend in dieses Szenario, sein Pullover erzählt von hunderten von Waschgängen in allen Temperaturen, zusammen mit allen anderen Farbtönen.
Ich grüsse die Beiden fröhlich, ich möchte hier wenigstens gute Stimmung verbreiten, wenn schon dicke Luft herrscht. Sie grüsst zurück, er gibt einen Laut von sich, der als Mischung zwischen Grunzen und dem Befördern von Schleim aus dem Hals wahrgenommen werden kann. Er schaut mich finster an und spiegelt mir meine Unerwünschtheit. Es scheint, dass er sich vor langer Zeit von jeder möglichen Freude verabschiedet hat, irgendwie hat er wohl beschlossen, alles in seinem Leben schlecht zu finden. Dieser Überzeugung ist er seither treu geblieben.
Auf dem übervollen Salontisch liegt eine Zeitung, mein Bild auf der Titelseite. „Heute schon Zeitung gelesen?“, frage ich listig. Der Grunzlaut wiederholt sich, ergänzt mit einem: „Nur Scheissdreck steht darin“. „Heeee“, sage ich, „es steht doch bestimmt auch etwas Schlaues drin, zum Beispiel dieser Artikel hier“. Ich deute auf mein Porträt mit Buchvorstellung. „Interessiert mich nicht“, schnauzt er. Ich lasse nicht locker, ich zeige auf mein Bild. „Aber die da, die sieht doch richtig sympathisch aus“, erwidere ich scheinheilig. „Wer soll das schon sein?“, wirft er ein, sein Desinteresse spuckt er förmlich bei jedem Wort in den Raum. „Eine blöde Wichtigtuerin“, schiebt er noch nach. Nun bin ich doch etwas beleidigt, das trifft mich jetzt persönlich. Die Musikwelle spielt einen Schlager aus den Achtzigerjahren und besingt die unsterbliche Liebe, ich muss mir dazu seine Gehässigkeit anhören. Ich ziehe die Maske runter, nehme die Zeitung und halte sie neben meinen Kopf. „Finde zehn Unterschiede“, fordere ich ihn auf. Er kneift die Augen zusammen, rückt mit dem Kopf vor, kramt umständlich seine ebenfalls trübe Lesebrille hervor, schaut nochmals. Er betrachtet die Zeitung, dann mich, dann wieder die Zeitung. Er ahnt, dass ich etwas erwarte, aber beim besten Willen nicht was. Ich merke, es wird ihm unangenehm, er spürt die Erwartungshaltung meinerseits. Ich lasse ihn nicht vom Haken, bis er sagt: „Die in der Zeitung ist jedenfalls hübscher“. Wunder Punkt? Mitnichten, ich breche in schallendes Gelächter aus, das Ehepaar weiss nicht, was der Grund meines Amüsements ist. Etwas konsterniert schauen sie einander an, im Gleichklang ihrer Ratlosigkeit und ihrem Unverständnis. Ihr bleibt der Mund offenstehen. Er schaut noch finsterer drein, auch wenn ich diese Steigerung nicht für möglich gehalten hätte. „Alles gut“, beruhige ich das Ehepaar, immer noch lachend und mache mich an die Verbände, die die Frau braucht.
Bei meinem nächsten Einsatz merke ich gleich bei der Begrüssung, dass da nicht nur Rauch in der Luft liegt. Etwas hat sich verändert, ich werde es gleich herausfinden. Mein Instinkt sagt mir, dass der Mann gleich zum Angriff übergehen wird. Er beobachtet mich wie die Wildkatze ihre potenzielle Beute, bereit zum Sprung. Und wirklich, ich kann nicht einmal meine Taschen abstellen, legt er schon los: „Sie haben ein Buch geschrieben“. Es ist keine neutrale Feststellung, es ist ein Vorwurf. „Aha, doch noch die Zeitung gelesen?“ frage ich. Er nickt schlechtgelaunt und fragt: „Kommen wir darin auch vor?“. „Nein“, antworte ich, „möchten Sie denn gerne vorkommen?“. „Über uns gibt es nichts zu schreiben“, blafft er, sie doppelt nach: „Ich wüsste nicht was“. „Ich schon“, erwidere ich. „Was denn?“, fragt er. Ich triumphiere, ich habe ihn erreicht. Es ist unser erster Dialog, ich habe die Grunzschwelle überwunden. Das erste Mal, dass er mir eine Frage stellt. „Ich würde gerne über Sie beide schreiben, weil Sie so aus der Zeit gefallen sind“, sage ich und blicke in vier ratlose, fragende Augen. „Sie haben ihre Wohnung seit Jahren nicht verändert, Sie leben ohne jegliches Gesundheitsbewusstsein, Sie rauchen, als gäbe es kein Morgen, Sie blenden die Aussenwelt aus, Sie hinterfragen nichts und Sie, jetzt schaue ich den Mann an, scheinen mir das Schicksal besonders herauszufordern“. „Wir sind nicht aus der Zeit gefallen, wir waren noch nie drin“, sagt der Mann, „wir brauchen nichts zu ändern. Seit der Hund gestorben ist, ist die einzige Freude weg. Und ich werde rauchen, bis es mich endlich umbringt, ich möchte schon lange sterben“. Ich schaue die Frau an, sie zuckt mit den Schultern. Nichts zu machen, signalisiert sie mir. Ich schaue wieder zum Mann, versuche das Gehörte zu verstehen oder mindestens einzuordnen. Dabei lasse ich mir Zeit. „Schreiben Sie nur, schreiben Sie über mein Scheissleben, schon als Gof war ich nicht erwünscht, dann einen Scheissjob, Ärzte die mich verpfuscht und ruiniert haben, es ist kein Leben so“, quillt es aus ihm hervor. „Da kann ich mich ruhig zu Tode rauchen. Aber nicht einmal das funktioniert“.
Das ist jetzt auch für mich starker Tubak – jetzt werden meine Augen fragend. Ich frage durch Fixieren seines Blickes. „Ja, schreiben Sie dies nur alles auf“, ergänzt er seine Kurzfassung eines verpfuschten Lebens in gehässigem Ton. „Ich schreibe lieber fröhliche Geschichten als traurige“, entgegne ich, mangels Alternativen. „Das ist es ja, das regt mich sowieso auf, Ihre Fröhlichkeit. Es gibt nichts zu Fröhlichen, machen Sie einfach Ihre Arbeit und basta“. Touché – einer meiner wunden Punkte ist getroffen. Habe ich eine Grenze überschritten, die ich hätte beachten müssen? Habe ich seine Trauer zu wenig gespürt, ihm mit meiner Fröhlichkeit etwas gespiegelt das er ablehnt oder nicht kennt oder nicht kennen will? Wurde er, je fröhlicher ich bin, desto ärgerlicher? Habe ich ihn an die Wand „gefröhlicht“? Bin ich der Grund für seine Übellaunigkeit?
Ich erwarte nicht, dass mich alle großartig finden. Ich weiss, dass ich meine Schwächen habe. Aber verurteilt zu werden für Fröhlichkeit? Würde es helfen, wenn ich mich seiner Stimmung anpassen würde? Muss ich, möchte oder könnte ich das? Nein, ich kann mich so wenig ändern wie er. Ich starte zum Gegenangriff und meiner Verteidigung: „Sie möchten also, dass ich ähnlich übellaunig bin wie Sie, damit Sie in ihrer schlechten Stimmung bleiben können?“, frage ich. „Nein“, erwidert er, „nur nicht so fröhlich, einfach normal“. Aha, einfach normal, als ob ich wüsste was normal ist, in einer Zeit, in der weltpolitisch alles erlaubt und normal gerade krass verschoben wird. „Könnte es sein, dass ihr Leben unter anderem nicht ganz so optimal verlaufen ist, weil Sie erwarten, dass sich die Menschen um Sie herum ändern, damit Sie nichts ändern müssen? Damit Sie in ihrem Missmut bleiben können? Ist es das, was Sie stört?“. Die fragenden Augen haben wieder die Seite gewechselt. Er denkt nach, ich verrichte meine Arbeit schweigend, der Frau steht der Mund immer noch offen, sie mag nichts dazu sagen.
Beim Abschied, unter der Türe, fragt der Mann: „Schreiben Sie jetzt über mich?“. „Ich glaube schon“, sage ich, „wenn Sie es erlauben? Aber ganz sicher nicht fröhlich, das gibt keine fröhliche Geschichte – versprochen!“. „Das ist gut“, sagt der Mann, „die Menschen sollen nur wissen, dass nicht alles gut ist“. „Ich glaube, das wissen sie schon“, wage ich einzuwerfen. „Soll ich den Menschen Mut machen, sich ihrem Unglück nicht einfach so zu ergeben, sich aufzulehnen und zu versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen?“, frage ich. „Machen Sie, was sie wollen, ihren Scheiss lese ich sowieso nicht“. Sagt`s und knallt die Türe zu. Ich bin getroffen.
Zum Glück saugt der Mundschutz die überquellende Flüssigkeit aus meinen Augen auf.
Keine Glanzleistung, keine Sternstunde, keine Spitexperle. Wunde Punkte hüben und drüben. Vor allem hüben.
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Die Autorin

An der Fachhochschule absolvierte sie den Master in Wound Care. Nebenbei arbeitet sie freiberuflich als Fachdozentin an verschiedenen Institutionen und ist Vizepräsidentin der SAfW. In der Eidgenössischen Kommission für Analysen, Mittel und Gegenstände (EAMGK) vertritt sie die Pflege.
Sie lebt im Berner Oberland und versorgt dort Menschen mit Wunden, auch in den abgelegensten Bergtälern. Sie hat sich mit Kopf und Herz dem Thema Wundversorgung verschrieben und liebt die Menschen und ihre Geschichten. Mit ihrem Humor kann sie von ihrem Alltag berichten, manchmal auch mit einer Prise Ironie.
e.kohler@safw.ch