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SAfW Wundkompendium

72 · Wund Management Sonderheft 3/2012 Schmerz te Reize wie Débridement, Wundreini- gung oder klebende Verbände kommt es zu einem sogenannten Wind-up-Phä- nomen, das sowohl zu einer Hyperalge- sie als auch zu einer Allodynie führen kann. Dies bedeutet, dass Sinnesreize die normalerweise nicht als Schmerz empfunden werden, als Schmerz hoch- geschraubt registriert werden (Hyper- algesie: übersteigerte Schmerzwahr- nehmung auf einen gering schmerz- haften Reiz. Allodynie: Reiz der an sich nicht schmerzhaft ist, wird als Schmerz wahrgenommen) [34]. Der Organismus reagiert auf Schmerzen auch reflektorisch auto- nom. Bei akuten Schmerzen steigt der Blutdruck und die Herzrate, die Pu- pillen verengen sich. Bei chronischen Schmerzen wird zum Beispiel die Ver- dauung verlangsamt und durch hormo- nelle Faktoren die Wundheilung ver- zögert. Psychomotorisch löst Schmerz zum Beispiel reaktives Zurückziehen oder Wegstoßen und Wehklagen aus. Die Mimik kann Schmerz sehr aussa- gekräftig widerspiegeln. Die Schmerzerfahrung wird bewer- tet: Was löst diesen Schmerz aus? Kann ich ihn vermeiden? Was muss ich tun? Die Schmerzbewertung erfolgt auch durch einen Vergleich mit dem Lang- zeitgedächtnis (Schmerzgedächtnis). Ein Schmerzverstärker ist dabei der psychogene Schmerz (affektive Di- mension): Die Angst vor Schmerz, löst Schmerzen aus. Schmerz wird nicht iso- liert als Schmerz, sondern immer mit einem Gefühl dazu wahrgenommen. Schmerzen können als störend, quä- lend, angstauslösend erfahren werden. Einstellungen und Vorstellungen, die Patienten gegenüber ihren Schmerzen haben, beeinflussen ihre Strategien zur Bewältigung des Schmerzerlebnisses. Nicht nur körperlicher, sondern auch psychischer Schmerz kann Trauer oder Einsamkeit auslösen. Auf der physio- logischen Ebene können wiederholte Reize die Funktion der Nervenzellen nachteilig verändern und zu einer funk- tionellen Veränderung der Neuronen führen. Chronische Schmerzen können sich deshalb durch eine Fehlregulation im ZNS zu neuropathischen Schmerzen entwickeln. Chronische und neuropa- thische Schmerzen haben ihre eigent- liche Schutzfunktion verloren und sind in ihrer Ausprägung und Therapie kom- plex. Sie können ein eigenes Krank- heitsbild darstellen. Schmerzphänomene Schmerzen kann man nicht abnehmen oder delegieren. Schmerzmanagement lässt sich auch nicht strikt standardisie- ren. Um Patienten mit Schmerzen ad- äquat zu behandeln ist ein fortlaufender Evaluations-Prozess und ein sich An- passen an die aktuelle Situation erfor- derlich [16]. Die Art und Ausdehnung einer Verletzung ist oft kein guter Maß- stab um das Erleben der Schmerzen nachzuvollziehen [13]: • Eine Verletzung kann Schmerzen auslösen, die jenseits der Proportion zur Größe der Verletzung sind. Z. B. schmerzt ein Splitter, der unter den Fingernagel eingerammt wurde qual- voll, obwohl die eigentliche Verlet- zung klein ist. • Eine Verletzung kann Schmerzen in einer anderen Körperstelle generie- ren, die selber keine Verletzung auf- weist, wie zum Beispiel ein Herzin- farkt, der als Schmerz in den Arm aus- strahlt. • Eine Verletzung kann verheilt sein, aber der Schmerz kann bleiben (z. B. Phantomschmerz bei Amputationen, Schmerzen bei einem abgeheilten Herpes Zoster). • Schmerz kann durch Stimulation der verletzten Stelle verstärkt werden und sich ausdehnen (Wind-up). Das Schmerzempfinden ist für Außenste- hende nicht nachvollziehbar. • Bei Betroffenen einer (Poly)Neuropa- thie kann eine Verletzung entstehen und sich verschlimmern ohne zu ent- sprechenden Schmerzempfindungen zu führen. • Verschiedene Wundursachen sind unterschiedlich schmerzhaft Das medizinische Fachpersonal ist ent- sprechend herausgefordert, mit ver- schiedenen Formen und Auswirkun- gen von Schmerzempfindungen umzu- gehen. Eine reflektierte Auseinander- setzung mit Patienten, die Schmerzen leiden oder sie nicht mehr empfinden, Schmerzeinschätzung und Schmerz- therapie, sowie die Auseinanderset- zung mit neuem Wissen bildet die Ba- sis, verantwortungsvoll mit dem Phä- nomen Schmerz umzugehen. | Grundlagen der Schmerztherapie Vor jeder Schmerzbehandlung muss eine sorgfältige Schmerzdiagnose ge- stellt werden. Diese basiert auf einer systematischen Schmerzanamnese und Dokumentation, individuellen Thera- pieplanung (individuelle Dosierungs- anpassung), regelmäßigen Applikation (nach der Zeit, nicht bei Bedarf) und auf das Unterscheiden von Basismedikation und Akuttherapie. Schmerzerfassung Eine systematische Erfassung erfragt das Seit wann, Wo, Wie, Wie stark, die Dauer, die Tageszeit und schmerzaus- lösende Situationen. Ebenfalls werden die bisherigen Schmerztherapie-Ansät- ze, schmerzlindernde Faktoren und die Folgen des Schmerzes erfragt. Gege- benenfalls sollten auftretende Begleit- erscheinungen von Schmerzen oder Therapie wie Nausea/Emesis, Obsti- pation, Benommenheit erfragt werden. Nach der Gabe von Medikamenten soll ihre Wirksamkeit überprüft werden. Generell sollen Kernfragen gestellt und nicht interpretiert werden. Die Stan- dardgruppe des Wundzentrums Ham- burg hat zur Erfassung von Schmer- zen bei Wundpatienten eine hilfreiche Checkliste zusammengestellt, die on- line zugänglich ist [29]. Für Patienten kann die Beschrei- bung von Schmerzen schwierig sein. Das Vorgeben von Worten zur Schmerz- qualität kann helfen (z.B. scharf, dumpf, bohrend, stechend, ziehend, häm- mernd, ausstrahlend, brennend, elek- trisierend, kribbelnd, juckend). Die Visuell Analoge Skala (VAS) oder die Numerische Rating Skala (NRS) haben sich für das Objektivieren der Schmerzintensität etabliert [5]. Die- se sollte vor, während und nach einem Verbandwechsel und vor und nach der Medikamentengabe erhoben werden. Wichtig zu erfassen sind auch die Vor- stellungen, Ziele und Ängste, die ein Patient in Bezug auf die Wund- und Schmerztherapie hat. Auch das Erfas- sen von nonverbalen Schmerzäußerun-

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