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SAfW Wundkompendium - 71 Schmerz

Wund Management Sonderheft 3/2012 · 71 Schmerz Schmerz D. von Siebenthal, M. Signer, J. Traber | Was ist Schmerz? Die Internationale Vereinigung für das Studium von Schmerzen (IASP) defi- niert Schmerz als „ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktuellen oder potentiellen Gewebs- schädigungen verknüpft ist oder mit Begriffen solcher Schädigungen be- schrieben wird”. Schmerzen werden immer individuell und subjektiv erlebt [23]. Dieses Erleben kann kulturell, aber auch durch die Schmerzbiogra- phie geprägt sein. McCaffery’s [22] Er- klärung „Schmerz ist das, was der Pa- tient sagt, das Schmerz ist und existiert, wann immer er es sagt“ ist eine große Herausforderung für alle. Schmerzen sind neben Mobilitäts- einschränkungen, Geruchs- und Ex- sudatsbelästigungen das Kernproblem von Patienten mit Wunden [5]. Sie kön- nen auch zu Schlafproblemen, Macht- und Kontrollverlust und verändertem Körperbild führen. Viele Betroffene be- handeln ihre Wunde oft lange selber. Obwohl Schmerzen oft der Hauptgrund sind, weshalb Patienten ihren Hausarzt aufsuchen, wird in der Folge die Wund- heilung Ziel der Intervention und nicht die Schmerzreduktion [11,32]. Dieses Phänomen wird mit einem medizinischen Modell begründet, des- sen vorrangiges Ziel es ist, die Ursachen von Krankheit zu therapieren und we- niger prioritär Leiden zu lindern [16]. Da die Mehrzahl der Kranken bei der Erst-Konsultation bereits längere Zeit an Schmerzen leidet und oft mehrere Krankheiten hat, wird das Schmerzma- nagement für die medizinischen Fach- personen und die Betroffenen komple- xer. Medizinische Fachpersonen müs- sen solange davon ausgehen, dass eine chronische Wunde schmerzt, bis der Patient das Gegenteil äußert. Es muss zudem davon ausgegangen werden, dass Patienten mit Wunden unter einer Schmerz-Mischform (akut/chronisch) leiden [32]. Ein Auslöser von wiederkehrenden akuten Wundschmerzen sind Verband- wechsel, Débridement und Wundreini- gung. Bis zur effektiven Wirkung eines verabreichten Medikamentes dauert es – je nach Applikation – bis zu 60 Mi- nuten. Diese Zeitspanne steht im kras- sen Widerspruch zur Ablauforganisa- tion und den Möglichkeiten von Spitex und Sprechstunden. Als weiterer Grund für den hohen Anteil an ungenügender Schmerztherapie wird die Gewöhnung der Betreuer an ein häufiges Phäno- men und der Haltung, dass Schmer- zen zum Kranksein gehören, wie die grauen Haare zum Älterwerden. „Was häufig ist, wird zur Normalität“ [17]. Durch das Ignorieren oder Bagatelli- sieren getrauen Patienten sich oft nicht mehr, ihre Schmerzen zu äußern. Sie bekommen den Eindruck, sie müssten dieses Leiden akzeptieren. Schmerz: Vom lebenswichtigen Schutz zur eigentlichen Krankheit Schmerz ist wie Lust und Leid ein eigentliches Lebensthema. Schmer- zen zu haben bedeutet auch, dass wir fühlen, wahrnehmen und reagieren können. Für jeden bedeutet dies etwas anderes. Schmerz ist eine multidimen- sionale Erfahrung und zeigt sich in fol- genden Komponenten [31]: • Sensorisch diskriminativ (Erleben: meine Verletzung schmerzt) • Affektiv-motivational (Fühlen: der Schmerz ist unangenehm) • Vegetative reflektorische Reaktion (z. B. erhöhter BD, Puls) • Psychomotorische Reaktion (Flucht) • Kognitiv-evaluativ (bewerten) • Operante Konditionierung: Konse- quenzen des Schmerzverhaltens (so- ziale Zuwendung, schmerzlindernde Medikamente, Schonhaltung) Die bewusste Sinnesempfindung Schmerz kann als lebenswichtiger Schutz angesehen werden. Der Ver- lust der Schmerzempfindung führt zu nicht bemerkten Verletzungen und zu einem früheren Tod. Das Nervensystem ist physiologischer Weise darauf konzi- piert, effektive oder potentielle Verlet- zungen zu vermeiden (Schmerzrezep- toren - Nozizeptives System). Das nozi- zeptive System wird durch eine Gewe- beschädigung aktiviert. Über die Axone werden Erregungen mittels Übertra- gungssubstanzen (Neurotransmitter) weitergeleitet. Im Rückenmark werden die Signale verwandelt und generieren eine „Reflexhandlung“ (z. B. wegziehen der Hand). Im Gehirn werden die ein- gehenden Impulse verarbeitet, und die Verletzung wird via „Schmerz“ wahr- genommen und bewertet. Die emotio- nale Komponente „Schmerz ist unangenehm“ führt dazu, dass dieser Reiz möglichst ver- mieden wird. Der nozizeptive Schmerz kann entsprechend als sinnvoller Schmerz beurteilt werden. Bei einer akuten Wunde klingt dieser Schmerz im Verlauf der Wundheilung ab. Aller- dings kann dieser nozizeptive Schmerz auch pathologisch oder chronisch wer- den. Bei chronischen Wunden kann es durch die verlängerte entzündliche Reaktion und durch wiederholte Rei- ze dazu kommen, dass der Patient eine erhöhte Empfindlichkeit in der Wun- de selbst und der umgebenden Haut, aber auch nach Abheilung der Wunde bleibend verspürt. Durch schmerzhaf- Doris von Siebenthal, MSc Leiterin Wundberatung Kantonsspital Baden AG E-Mail: doris.vonsiebenthal@ksb.ch

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